Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Herausforderin Angela Merkel (CDU) haben sich in der letzten Sitzung des Bundestags vor dem 18. September einen vom Wahlkampf geprägten Schlagabtausch über die richtige Politik für Deutschland geliefert. Schröder nutzte seine Regierungserklärung am Mittwoch vor allem für scharfe Attacken auf Union und FDP. Er warf ihnen eine verlogene Arbeitsmarkt- und ungerechte Steuerpolitik vor. Merkel konterte in einer kämpferischen Rede, Deutschland gehe es nach sieben Jahren Rot-Grün schlechter. Schröder habe eine Senkung der Arbeitslosenzahlen versprochen und das Gegenteil bewirkt.

Schröder warf CDU und CSU vor, sie fälsche die Arbeitsmarktstatistik. Die Opposition plakatiere zwar die Zahl von fünf Millionen Arbeitslosen, habe aber selbst die Reformen mitbeschlossen, die die statistische Arbeitslosenzahl erhöht hätten. Der Kanzler führte viele Argumente an, die er schon im Fernsehduell am Sonntag vorgetragen hatte. Er bezeichnete das Steuerkonzept des Unions-Finanzfachmanns Paul Kirchhof abermals als unverantwortlich. Ferner werde die von der Union geplante Mehrwertsteuererhöhung zu noch höheren Benzinpreisen führen. Er warnte Merkel auch vor einer "Rolle rückwärts" in der Atompolitik. Die Kanzlerkandidatin bekräftigte indessen ihre Pläne, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern.

Merkel sagte, es gebe mehr Arbeitslose und weniger Wachstum als vor sieben Jahren, die Rente werde "auf Pump" finanziert und die Pflegeversicherung sei in einem bemitleidenswerten Zustand. Statt weniger Bürokratie gebe es 700 neue Gesetze und mehr als 1.000 neue Verordnungen. Zu Schröder sagte sie: "Sie haben sieben Jahre entweder leere Versprechen gemacht, eine falsche Politik verfolgt oder Sie konnten sich nicht durchsetzen." Schröder sei an seiner Partei, an sich selbst und an der Wahrnehmung der Realität gescheitert. Der Kanzler habe es auch nicht geschafft, einen Haushalt für 2006 vorzulegen. "Deswegen sind Sie Vergangenheit."

Merkel verteidigte die von der Union angestrebte Steuerreform, die einen Eingangssteuersatz von zwölf Prozent (derzeit 15) und einen Spitzensatz von 39 Prozent (derzeit 42) vorsehe. Bei der Ökosteuer bezichtigte sie Schröder der Lüge. Er spreche von einem Ökosteuer-Anteil in Höhe von 1,5 Cent pro Liter Sprit, der in den Haushalt fließe. Der Anteil sei aber höher. Die CDU-Fraktionsvorsitzende kündigte an, sich als Kanzlerin bei den USA für eine "Kehrtwende" in der internationalen Umweltpolitik und eine Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls zur Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen einzusetzen.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering warf Merkel "Hochmut" vor. Sie verhalte sich, als sei die Wahlentscheidung schon gefallen. Der Union fehle der Respekt vor den Wählern, die erst am 18. September entschieden. FDP-Chef Guido Westerwelle sagte, er habe von Schröder eine Abschiedsrede und von Merkel eine Regierungserklärung gehört.

Vor der Rede des Kanzlers hatte der Bundestag der Opfer der Hurrikan-Katastrophe in den USA gedacht. Der Bundestag sei erschüttert über die schrecklichen Folgen der größten Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Schröder betonte die Solidarität mit Amerika und sicherte der Regierung Bush die volle Unterstützung zu. Zum Auftakt der Debatte hatte Schröder die Mineralölkonzerne nochmals vor einer "völlig unverantwortlichen Preistreiberei" als Folge der Überschwemmungskatastrophe in den amerikanischen Südstaaten gewarnt. "Eine Politik weg vom Öl ist dringende Notwendigkeit", sagte er.