Heute konnte man in Berlin den Nachmittag damit verbringen, über das Verhältnis von Angela Merkel zu DGB-Chef Michael Sommer zu rätseln. Was für ein gemeinsamer Auftritt im DGB-Haus am Hackeschen Markt, der, bei aller Betonung der Differenzen, harmonischer nicht hätte sein können. Strategisch gesehen ist das zunächst verständlich: Merkel will vor der Wahl nicht mehr als nötig im Streit mit den Gewerkschaften liegen, die zwar stetig an Mitgliedern verlieren, aber in der Öffentlichkeit stimmlich immer noch gut beieinander sind. Und Michael Sommer, Vorsitzender des Dachverbandes namens DGB, möchte den Kontakt zur Macht nicht verlieren, auch dann nicht, wenn es keine Regierung mit SPD-Beteiligung mehr gibt. Das sollte das Gespräch der beiden heute in Berlin sicherlich signalisieren, und so traten beide entspannt vor die Presse. Aber da war noch etwas anderes.

Da waren Zwischentöne. "Ganz herzlich" hat sich Sommer gleich zweimal bei Merkel bedankt, zu Beginn und am Ende seiner Rede. Es habe ein offenes und faires Gespräch gegeben. "Das ist nicht die Zeit des Konfliktes, sondern des Dialogs", hat der Mann mit dem meist reglosen Gesicht gesagt. Man konnte fast meinen, er erwarte sich derzeit mehr Dialog von einer Regierung mit Merkel an der Spitze als von einem Kabinett mit Schröder oder einem Schröder-Nachfolger. Sommer ist kein Taktierer, kein Polit-Diplomat. Wenn er etwas sagt, meint er es auch so. Inhaltlich trennt den DGB viel von Union und FDP, die an den Kündigungsschutz ran wollen und Flächentarife zu Gunsten von regionalen Betriebsvereinbarungen schwächen wollen. Was soll also dieser Flirt?

In seinem Umfeld erklärt man sich das so: Als Sommer die DGB-Führung übernahm, war der Kontakt zur CDU kaum existent. Inzwischen gibt es eine Gesprächstradition, in der man bei früheren Treffen "atmosphärisch einiges hat ausräumen können", wie Sommer sagt. Auch Merkel sprach von einer Reihe von Treffen und der Wichtigkeit der Gewerkschaften als Kraft in der Gesellschaft und bekennt sich zur betrieblichen Mitbestimmung von Arbeitnehmern. Klar, dass sie auf Wähler auch in diesem Lager spekuliert. Träte die Union allzu neoliberal auf, gäbe sie eine Vorlage an die SPD. Doch der interessantere Fall ist Michael Sommer. Er hat zu Merkel möglicherweise eine inzwischen nüchterne, aber tragfähige Gesprächsebene entwickelt. Er will sich nicht vorwerfen lassen, mit der Union nicht geredet zu haben, bevor es zum Konflikt kommt.

Im Verhältnis zu Schröder, den er in gleicher Mission am Donnerstag trifft, ist viel mehr Emotion im Spiel. Sommer ist von Schröder zutiefst enttäuscht. Man hat Schröder - samt seiner Kanzleramtsmannschaft - beim DGB zu oft arrogant erlebt. Die Jahre der Auseinandersetzung haben beide gezeichnet und ihr Verhältnis zeitweise so unterkühlt, das man sich nicht mal mehr die Hand schüttelte. Wer die Gewerkschaftsführer während der Schröder-Rede auf dem Wahlparteitag beobachtete - sie saßen in der ersten Reihe für "Ehrengäste" - der konnte die eisige Stimmung spüren.

Auf die neue Kandidatin ist man neugierig, gleichzeitig werden inhaltlich wenig Zugeständnisse erwartet. Und genau das ist der Beziehung von Sommer zu Merkel möglicherweise hilfreich. Man erkennt daran auch, wie kompliziert die Zeiten geworden sind. Die Gewerkschaften stehen alleine da, die traditionelle Bindung an die Sozialdemokratie wird brüchig.

Wie sie das fände, wenn die Gewerkschaften wieder mehr Zulauf bekämen - aus Protest, im Falle eines Wahlsieges der Union. "Das fände ich einen interessanten Effekt", sagt sie munter, "wir verlieren doch alle Mitglieder, da kann man solche Effekte nur begrüßen". Fast, so witzelte man beim DGB, wäre sie dann von Sommer auf dem Weg zum Wagen noch als Mitglied angeworben worden. Aber so nah sind sich die beiden dann doch nicht gekommen.