Die Deutsche Grammophon, Hort der klassischen Musik, wendet sich mit einer neuen Doppel-CD an ein im Hier und Jetzt herumhopsendes Publikum – und spaltet es sogleich. Der Dub-Produzent Matthias Arfmann hat sich übers Archiv hergemacht und die Berliner Philharmoniker mit wuchtigen Rhythmen modernisiert. "Recomposed" bringt auf der einen Platte die Karajan-Originale von Dvorak, Smetana, Schubert, Wagner, Mussorgsky und anderen, auf der zweiten Platte die Arfmannschen Bearbeitungen. Darf man das? Soll man das? Mag man das? Wir bringen ein Pro und Contra – und zwei Stücke zum Anhören.



Pro

Schwanensee-Reggae

Erstmals öffnet sich die klassische Musik dem modernen Kunstbegriff – weiter so!

Von Josef Engels

Wir leben in Zeiten des Relativismus, und das ist auch gut so. Es macht einen gelassener. Man kann beispielsweise dem Papst, dem Godfather of Hände-über-die-Decke, enthusiastisch zujubeln – und gleichzeitig an vorehelichem Geschlechtsverkehr nichts Verwerfliches finden. Gut, es gibt einige Bereiche, in denen der menschenfreundliche Relativismus kaum eine Chance hat. In Diktaturen. Im Fußball. Und natürlich in der klassischen Musik.

In jeder anderen Kunstdisziplin hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Geniegedanke ein Witz ist, der Autor ein fadenscheiniges Konstrukt und das vermeintlich große Werk ein buntes Patchwork. Nur in der Klassik achtet man weiterhin peinlich genau darauf, dass keiner an den Sockeln rüttelt. Nirgends fällt es leichter, zu provozieren.

Gewiss ist der Reihentitel ReComposed , unter dem die Deutsche Grammophon Remixer und DJs an Kronjuwelen ihres Archivs heranlässt, in erster Linie als Provokation zu verstehen. Der Hamburger HipHop- und Dub-Produzent Matthias Arfmann hat sich davon allerdings nicht sonderlich beeindrucken lassen. Für ihn ist das von Rimsky-Korsakov, Schubert oder Wagner geschriebene und von Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern aufbereitete Material kaum etwas anderes als eine Ansammlung wunderlicher Klangereignisse. Ihre Verwendbarkeit hängt davon ab, inwieweit sie sich in die zeitgenössische Basisdemokratie der Bassline und des Beat einordnen lassen.

Das ist ein ganz klarer Ansatz, der Arfmann einerseits vor der Remixer-Hybris bewahrt, noch avantgardistischer als die Zwölftönerei sein zu wollen, andererseits eine unselige Rondo-Venizianisierung verhindert. Einzige Ausnahme auf dem vorliegen Album ist Tschaikowskys " Schwanensee , dessen klingeltonkompatible Melodiestruktur drastisch erkennbar bleibt. Und zwar, weil sich in seiner Bridge eine frappante Seelenverwandtschaft zum Offbeat des Reggae erkennen lässt.

Es ist sehr schön zu hören, wie Arfmann die Klischees mit der Seelenruhe des Dub zum Tanzen bringt, wie sich die Wagnerschen Klangwolken im Zigarettenrauch verflüchtigen, wie Gustav Holsts Mars in einen Soundtrack zu Tim Burtons Mars Attacks verwandelt wird, wie sich selbst die manchmal eingeworfenen E-Gitarren-Texturen als launige Zitate, als Verweis auf die komischen Classic-Rock-Versuche von Deep Purple und all den anderen verstehen lassen.

Es ist überdies auch gar nicht verkehrt, wenn zuweilen afrikanische Gesänge erklingen. Sie erinnern daran, dass die wichtigste Musik des 20. Jahrhunderts afroamerikanischen Ursprungs ist. Das kann die europäische Klassik gelassen zur Kenntnis nehmen. Weiter so!



Contra