Iris, eine 46-jährige Großmutter aus dem Küstenort Slidell in Louisiana, würde da gerne eine Menge Fragen stellen. Am Montag wurde sie obdachlos, mit ihrer 14-köpfigen Großfamilie, deren jüngstes Mitglied Maya ist. Maya lag am Donnerstagnachmittag friedlich schlummernd in der Sommerhitze auf einem Handtuch, vor dem Eingang des "Astrodome" in Houston, während ihre Geschwister ringsherum tobten. Sie warten auf Einlass. Das Auffanglager ist bereits überfüllt, aber in benachbarten Hallen werden neue Schlafstellen aufgebaut. Wasser und Essen, ein dunkler Reis mit einer ordentlichen Portion Hackfleisch, haben sie alle bekommen. Ihre Odyssee hatte am Montagnachmittag begonnen, als sie erst vor den Fluten auf eine Autobahnbrücke flohen. Dann wurden sie in den Superdome von New Orleans gebracht, von dem sie aus erster Hand bestätigen kann, was inzwischen die ganze Welt im Fernsehen gesehen hat: "Kot, Urin, sterbende Menschen überall. Wir haben Schießereien gesehen, wir haben Vergewaltigungen gesehen. Man hält den Kopf runter".

Natürlich sei es besser geworden, als die Mitglieder der Nationalgarde eintrafen. Und trotzdem wundert sich Iris. "Die standen dann da mit dem Gewehr über uns. Wenn man sie um etwas gebeten hat, etwa Wasser für die Tochter, haben sie gesagt, wir sind hier nur zum Bewachen da. Es war ein Ton, als sei man im Gefängnis." So etwas berichten viele hier, manche in Tränen. Als die Nationalgarde am Donnerstag in New Orleans eintraf, sah es tatsächlich mehr nach einer militärischen Aktion aus als nach einer humanitären. "Sie haben Waffen und werden sie benutzen", kündigten Gardechefs vor laufenden Kameras an. Was sicher dazu gedacht war, aggressive Plünderer abzuschrecken, doch merkwürdig klingt es so oder so.

Die deutlich humanitärere Seite Amerikas zeigt sich, wie so häufig, in den zahllosen Privatinitiativen. Da pilgerten am Donnerstagabend ein Hotdoghändler, ein Grillrestaurateur und etliche Privatleute zum "Astrodome" in Houston und boten Nahrungsmittel an (sie wurden alle abgewiesen). Hunderte Texaner meldeten sich beim Roten Kreuz als freiwillige Helfer, wiesen Familien ein, schleppten Wasser, suchten nach versprengten Kindern oder verwirrten Senioren und brachten Familien zusammen. "Ich bin einfach um Mitternacht zum Astrodome hingefahren", sagt Britni, eine 26-jährige Kellnerin aus Houston, die nach ihrer langen Schicht nochmal bis 5 Uhr morgens aushielt. Dann nahm sie sogar ein schwangeres Mädchen mit nach Hause, für ein paar Tage, "bis sie ihre Familie wiederfindet".

Und in der Kirchengemeinde Shrine of the Black Madonna im Süden Houstons haben die Kirchgänger spontan 150 Familien einquartiert - großteils im Wohnheim der Kirche, aber zunehmend auch in Privatwohnungen. "Wir können einfach niemanden wegschicken, der um Hilfe bittet, oder?" sagt Bishop Abaynesta, die alle paar Minuten den Telefonhörer abnimmt, Hilfsangebote entgegennimmt, Auskunft für versprengte Flüchtlinge erteilt, Lieferungen von Nahrungsmitteln und Wasser koordiniert. Sie macht das seit drei Tagen schon, 16 Stunden am Tag, wie sie erzählt. "Es nicht zu tun, wäre nicht christlich, oder? Und es ergeben sich ständig neue Sachen. Gerade kam wieder so ein Anruf: 'Ich kann zwei Leute bei mir zu Hause aufnehmen'."

Und natürlich hat Bishop Abaynesta viel Respekt für die Arbeit des Roten Kreuzes und der anderen "offiziellen" Hilfsorganisationen, die nicht mit Hunderten sondern mit Zehntausenden Flüchtlingen umgehen. Kritik kann sie sich trotzdem nicht verbeißen. "Wissen Sie, wenn die Leute hier ankommen, ist unsere erste Frage: Sind Sie hungrig? Was brauchen Sie? Bei uns bekommen sie nicht als erstes ein Formular vor die Nase gelegt".


Aktuell
New Orleans leert sich


Am Sonntagmorgen hat ein großer Teil der Menschen, die noch immer in New Orleans ausharren mussten, die Stadt verlassen. Die letzten Flutopfer wurden aus den beiden großen Notunterkünfte, dem Footballstadion und dem Kongresszentrum, abgeholt. Inzwischen begannen Hilfskräfte auch damit, Leichen zu bergen.

Seit Samstagmorgen wurden rund 25.000 Einwohner aus der überfluteten Stadt in Sicherheit gebracht. Die amerikanische Armee flog Tausende mit Helikoptern aus. Fluggesellschaften brachten bis zum Samstagabend rund 10.000 Personen in Nachbarstaaten in Sicherheit. Am Nachmittag trafen dann auch die von Bürgermeister Ray Nagin seit Tagen geforderten Busse ein. Nach Angaben des Heimatschutzministeriums erhalten bislang 100.000 Betroffene humanitäre Hilfe.

Schwerbewaffnete Sicherkräfte patrouillieren weiterhin durch die Straßen New Orleans'. Im Gewerbegebiet lodern Brände. Inzwischen zeichnet sich langsam das ganze Ausmaß der Naturkatastrophe ab. Mindestens 350.000 Häuser sind nach Angaben der Behörden zerstört worden. Rund eine Million Menschen in drei Bundesstaaten haben ihr Zuhause verloren. Nach Angaben der Armee wird es fast drei Monate dauern, das Wasser aus New Orleans zu pumpen. Die Gesamtschäden werden auf bis zu 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Präsident George W. Bush räumte unterdessen ein, dass die Ergebnisse der Hilfsaktionen inakzeptabel gewesen seien. Viele Menschen seien verärgert und auf verzweifelter Suche nach Hilfe, sagte Bush. Der Präsident versprach rasche und unbürokratische Unterstützung. Er will am Montag zum zweiten Mal in das Katastrophengebiet reisen. Zuvor hatte Bürgermeister Nagin die Regierung aufgefordert, "den Hintern zu bewegen". Kongressmitglieder beider Parteien kritisierten die Arbeit der Bundesbehörden scharf und kündigten eine Untersuchung an. ( dpa )