Warum der Hurrikan vor allem arme Leute in New Orleans getroffen habe? Ginny Goldman schaut ein wenig perplex drein angesichts der Frage. "New Orleans hat einfach einen gewaltigen Anteil armer Menschen", sagt sie. "38 Prozent der Familien sind dort unterhalb der Armutsgrenze. Und wie wollen Sie mit ihrer Familie evakuieren, wenn Sie kein Geld haben und kein Auto?" Es ist tatsächlich eine dumme Frage für sie, die Direktorin der Organisation ACORN in Houston, die Tag für Tag mit den Ärmsten Amerikas umgeht. ACORN bietet ihnen Hilfe bei Behördengängen, sie vermittelt sie an Hilfsorganisationen und Arbeitgeber, streitet für faire Löhne und gegen Ausbeuterei am Arbeitsplatz.

In den ersten Tagen hat auch Ginny Goldman das getan, was viele Hilfsorganisationen, Kirchen und sogar Firmen in den amerikanischen Südstaaten tun: Sie hat die Busse der Organisation zu den Evakuierungen nach New Orleans entsandt, hat ihre Mitglieder und Angestellten aufgefordert, ein paar evakuierte Familien aufzunehmen. Doch das löst eben nur ein paar kurzfristige Probleme. "In ein oder zwei Monaten", sagt sie, "ist unsere Hilfe wichtiger als jetzt. Dann redet nämlich niemand mehr über diesen Hurricane".
Sprich: Die Leute brauchen eine Unterkunft auf Dauer. Hilfe beim Beantragen von Sozialhilfe. Schulplätze für die Kinder. Am besten gleich einen Job, Kredite und Hilfe für den Start in ein neues Leben. Womöglich wird es Monate dauern, drei oder sechs oder zwölf, bis die Menschen wieder dauerhaft in die zerstörten Regionen zurückkehren können. Ob New Orleans überhaupt an gleicher Stelle wieder aufgebaut werden kann, ist längst schon zum Debattenpunkt in Washington geworden; wenn ja, würde es trotzdem Jahre dauern bis die Menschen wieder in ihrer Stadt leben könnten.

George W. Bush hat inzwischen langfristige Hilfe für die Flüchtlinge versprochen - jedenfalls klang es so. "Ich werde nicht vergessen, was ich hier gesehen habe", versprach er den Flutopfern in einer seiner Ansprachen. Die 10,5 Milliarden Hilfen, die er bisher zugesagt haben, seien nur "eine Anzahlung". Der Wiederaufbau werde "Jahre" dauern. Die staatliche Katastrophenschutzorganisation FEMA erklärte erst einmal das Finden von Unterkünften für "möglicherweise Zehntausende obdachloser Flüchtlinge" die "größte Herausforderung" und sucht tatsächlich nach Unterkünften an Orten so fern wie Utah oder Detroit.

Doch erst in etlichen Monaten wird sich zeigen, ob die Administration mit ihren Versprechungen ernst macht - nämlich dann, wenn es nicht mehr um unmittelbare humanitäre Hilfen geht sondern um den Neubeginn von Existenzen. Obwohl Louisiana und Mississippi zu Katastrophengebieten erklärt worden sind, bedeutet das nicht automatisch, dass jeder dort Recht auf Unterkünfte, Gläubigerschutz und so weiter bekommt. Darauf haben etliche Verbraucherschützer in den vergangenen Tagen hingewiesen. Außerdem ist seit wenigen Monaten ein neues Insolvenzgesetz in Kraft getreten: Hausbesitzer aus der Region müssen in vielen Fällen ihre Hauskredite zurückzahlen, auch wenn die Häuser nun zerstört sind. So erging es im Juni einigen Hausbesitzern in Laguna Beach in Kalifornien, als eine unerwartete Schlammwelle ihre Häuser wegspülte.

Und wie ist es mit Arbeitslosenhilfe? Mit günstigen Krediten für einen Start in ein neues Leben nach dem Wiederaufbau? Wie ist es mit den betroffenen illegalen Einwanderern, bekommen sie ebenfalls Hilfe oder werden sie ausgewiesen, wenn sie sich nun bei den Behörden melden? Dürfen Flüchtlinge bis auf weiteres auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung "Medicare" zum Arzt gehen, notfalls auch ohne Zuzahlungen? Werden Unternehmen besondere Hilfen bekommen, wenn sie in New Orleans und Umgebung neue Jobs schaffen? Für das letztere Problem sind zwar bereits Sonderkredite vorgesehen, aber die kriegt man erst nach einer offiziellen "Schadensprüfung", und so etwas kann noch Wochen dauern.

Alles praktische Fragen, die nach Erbsenzählerei klingen mögen. Doch sie werden am Ende die Zukunft der Flüchtlinge bestimmen - zusammen mit dem Umfang öffentlicher Hilfe und dem Wiederaufleben der regionalen Wirtschaft. Die meisten Flüchtlinge werden es am Ende wohl schaffen, wieder nach Louisiana und Mississippi zurückzukehren, aber etliche auch nicht. "In ein paar Monaten wird die Bevölkerung der umliegenden Regionen ein kleines bisschen gewachsen sein", sagt Ginny Goldman von ACORN. "Die Neuankömmlinge werden vor allem arme Leute sein, mit ihren ganz speziellen Bedürfnissen".