Melancholisch schreibt Robert Minder am 23. August 1974 an den Schriftstellerfreund Hermann Kesten. Wie gewöhnlich verbringt er einige Sommerwochen im Haus des väterlichen Freundes Albert Schweitzer im elsässischen Günsbach, um die Angelegenheiten der französischen Schweitzer-Freunde zu ordnen, die Nachlass-Papiere im Albert-Schweitzer-Archiv durchzusehen, immer auch auf der Suche nach Material für ein deutsches Porträt des Theologen. Die Vorbereitungen für den 100. Geburtstag Schweitzers im nächsten Jahr laufen auf Hochtouren, und die Tage sind voller Hektik und organisatorischer Geschäftigkeit. Aber es ist auch der Geburtstag Minders, der 72., und wie immer an diesem Tag wandern die Gedanken zurück, Erinnerungen verdichten sich zu Bildern, und die großen Lebensfragen drängen in den Vordergrund.

"Wie kam es, dass wir 1940/45 davon kamen?", sinniert Minder, nicht zufällig gemeinsam mit Kesten. Mit dem querulatorischen Erzähler und Essayisten verbindet ihn seit fast dreißig Jahren die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die Trauer über den Tod von Freunden und Bekannten und das Nachdenken über die deutschen Ursachen. Lebhaft steht Minder der 16. Mai 1940 vor Augen, als er Kesten in Paris kennen lernte. Der Freund Alfred Döblin, mit dem er ein Büro im französischen Informationsministerium teilte und Flugblätter gegen die Deutschen schrieb, hatte ihn auf die Straße geholt, und gemeinsam hatten sie vor dem requirierten Hôtel Continental gegenüber dem Tuilerienpark gestanden und beratschlagt, wie Kesten unbehelligt von den französischen Sicherheitsbehörden aus Paris entkommen könnte. Kesten hat Glück, knapp gelingt ihm die Flucht nach Amerika. Ebenso wie dem Ehepaar Döblin, mit dem Minder im Juni 1940 gemeinsam vor den Deutschen aus Paris geflüchtet war. Im Juli 1940, am letzten Gültigkeitstag des Ausreisevisums, "leiht" ihnen ein französischer Präfekturbeamter das fehlende Geld für die Zugfahrt von Marseille über Perpignan nach Lissabon und ermöglicht die Flucht nach New York.

Andere wurden aufgegriffen und deportiert. Minder denkt an das Philosophen-Ehepaar Landsberg aus Bonn. Vor seiner Emigration wurde Paul Landsberg als Nachfolger Max Schelers gehandelt. In Paris hatte er nach 1936 Anschluss an die Kreise um Jean Wahl gefunden, und seine Theorie des Engagements war nicht nur für die Personalisten wichtig gewesen, die sich um den katholischen Philosophen Emmanuel Mounier und die Zeitschrift Esprit sammelten. Alles war für seine Ausreise in die USA vorbereitet, die Papiere lagen bereit, aber Landsberg wollte in der Nähe der Anstalt bleiben, in der seine Frau Madeleine (Magdalena) nach dem psychischen Schock der Internierung in Gurs behandelt wurde. Er wurde denunziert und nach Oranienburg deportiert. Die Witwe des Freiburger Kunsthistorikers Ernst Polaczek, eines engen Mitarbeiters Georg Dehios, wurde in Auschwitz vergast. Minder hatte Friederike Polaczek ein Versteck in Grenoble besorgen können, aber sie wurde bei einer Razzia gefunden.

Einigen Emigranten konnte Minder, der seit Herbst 1940 als Germanist an der Grenobler Universität lehrte, durchaus helfen. Sein Büro an der Fakultät war eine wichtige Anlaufstelle für deutsche und tschechische Flüchtlinge. Pässe wurden besorgt, Arbeitsstellen und andere Kontakte vermittelt, bis die Gestapo im Herbst 1943 nach dem Germanisten suchte und er aufs Land flüchten musste. Aber was bedeutet das angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, der Aktionen und Schicksale der anderen? Der Freund Pierre Brossolette, mit dem Minder als junger Normalien 1923 eine internationale Verständigungsgruppe gegründet hatte, die Schriftsteller und Intellektuelle zu Gesprächsrunden in die Rue d’Ulm einlud, war im März 1944 aus dem Fenster der Pariser Gestapozentrale gesprungen, um die Details seiner Londoner Mission nicht preiszugeben. Der französische Mentalitäten-Historiker Marc Bloch, der in den zwanziger Jahren an der Straßburger Fakultät eine Gehaltserhöhung Minders befürwortet hatte, wurde im Juni 1944 als Mitglied des "Franc-Tireur" erschossen. Der Soziologe Maurice Halbwachs, dessen Überlegungen zum "kollektiven Gedächtnis" Minders Forschungen in den 40er-Jahren eine neue Richtung gaben, verhungerte im März 1945 in Buchenwald.

Immer häufiger wendet sich in den siebziger Jahren der Blick des Germanisten zurück. In die Trauer um die Freunde mischen sich Fragen nach der eigenen Leistung. Eine beachtliche Karriere hat der französische Germanist am Collège de France in den 60er- und 70er-Jahren in der Bundesrepublik gemacht. Seine Essays werden als Kabinettstücke deutscher Prosa und kritische Anmerkungen zu deutschen Befindlichkeiten gefeiert. Er ist ein deutscher "Bestseller-Autor" geworden. Die 10.000 Exemplare des ersten Essaybandes Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich (1962) waren schon nach vier Monaten vergriffen. "Man muss das als Deutscher lesen. Wer dem ausweicht, setzt sich ins Unrecht – und nur wer annimmt, was uns da ins Stammbuch geschrieben wird, kann und darf einiges korrigieren", hatte wohlwollend die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatiert.