Mit einem Preis bei den Filmfestspielen in Venedig hat der ansonsten so erfolgsverwöhnte Regisseur Ang Lee nun wirklich nicht gerechnet. Er sei schon nach Toronto geflogen, dort habe ihn dann die Kunde erreicht, "dass es ratsam wäre, an den Lido zurückzukehren". Deshalb stehe er jetzt abgehetzt und im verschwitzten Anzug vor dem verehrten Publikum, berichtete der Mann mit dem Goldenen Löwen in der Hand am Samstagabend bei der Abschlussgala der 62. Festspiele. Vier Oscars hat der in Taiwan geborene Regisseur in seiner Karriere bereits eingeheimst, dazu zwei Mal den Goldenen Bären und noch etliche Preise mehr. Am Lido wurde er jetzt für einen seiner schönsten, bizarrsten und verwirrendsten Streifen geehrt."Brokeback Mountain" ist ein Film, der auf den ersten Blick wie ein Western daherkommt, auf den zweiten Blick wie ein "Schwulenfilm" - aber weder das eine noch das andere trifft wirklich zu. Es beginnt mit Bildern wie aus der Zigaretten-Werbung, grandiose Naturkulisse plus knallharte Cowboys mit großen Hüten; der Zuschauer macht sich schon insgeheim auf allerhand Triviales gefasst. Die Story spielt 1963 im amerikanischen Staat Wyoming: Zwei junge Typen (Jake Gyllenhaal und Heath Ledger) werden zum Schafehüten in die Einöde geschickt. Und dort machen die harte Kerle das, was Cowboys sonst nie tun: Sie sprechen über Enttäuschungen und Verletzungen im Leben, es gibt kleine Aufmerksamkeiten und Intimitäten - nach reichlich Whiskey finden die Jungs eines Nachts dann auch sexuell zueinander.Er sei froh, dass die Zuschauer den Streifen nicht einfach als "Schwulenfilm sehen, sondern als echte, große Liebesgeschichte", meinte Ang Lee. Nachdem die beiden Cowboys aus der Einöde zurück sind, gehen beide ihrer Wege, beide heiraten, beide verheimlichen ihr homosexuelles Abenteuer vor ihren Ehefrauen. Doch die wilde Liebe zueinander bleibt die einzige ihres Lebens. "Ich glaube, jeder hat ein Brokeback Mountain im Herzen", sagte Ang Lee. "Das ist ein geheimer Ort, zu dem wir immer zurück wollen, oder ein Ziel, das wir immer suchen und niemals finden."Ang Lee, einer der bekanntesten chinesisch-stämmigen Regisseure, hat mit ungewöhnlichen, schrägen Filmen Erfahrung. Mit der Komödie "Das Hochzeitsbankett" zum Beispiel gelang ihm 1993 der große Durchbruch. Es geht um einen in Amerika lebenden Homosexuellen aus Taiwan, der glaubt, seinen traditionellen Eltern ein "normales Dasein" präsentieren zu müssen und eine Scheinheirat inszeniert. Der Streifen gewann damals den Goldenen Bären in Berlin. Berühmt wurde auch "Sinn und Sinnlichkeit", eine Literaturverfilmung über zwei gegensätzliche Schwestern in England Ende des 18. Jahrhunderts. 1996 errang er den Goldenen Löwen. Für "Tiger & Dragon" bekam Ang Lee 2001 gleich vier Oscars: für den besten nicht-englischsprachigen Film, Kamera, Art-Director und Filmmusik. Manche Kritiker monierten damals, es handele sich um eine etwas kitschige Liebesgeschichte.Ang Lee wurde am 1954 in Taipeh (Taiwan) geboren, seine Familie war aus der Volksrepublik China emigriert. Doch mittlerweile lebt er seit mehr als 30 Jahren in Amerika. 1978 wanderte seine Familie aus, noch im selben Jahr begann er in Illinois Theaterwissenschaften zu studieren. Schon während des Studiums wirkte er in einem Spike-Lee-Film mit. Amerika beeindruckte ihn tief, auch als Filmer. "Es ist ganz erstaunlich, dass ein Chinese so gelungene Western-Bilder drehen kann", meinte ein amerikanischer Kritiker in Venedig zu "Brokeback Mountain." Dabei ist der Film alles andere als ein Western, ebenso wie Ang Lee nach wie vor "zwischen den Welten" lebt, auch als Regisseur.