Die junge, blonde Frau sitzt mit einem großen Lächeln vor einer Weltkarte, die an den Erdkundeunterricht erinnert. „Hello and good Thursday, September the 8th, 2005“ , sagt sie an einem normalen Tag wie vergangenen Donnerstag. „My name is Amanda Congdon, and this is rocketboom.“

Aber wann ist bei rocketboom schon ein normaler Tag? Am Freitag war casual friday . Amanda Congdon trug – ganz American housewife , wenn auch ohne Anflug von Verzweifelung – ein elegantes, weißes Kleid und Perlenkette. Dann legte sie los: Sie sagte ein paar empörende Dinge zum Thema Energieverbrauch und Umweltschutz, sie verbrannte einige Dollarscheine und stellte sich am Ende als Young Republican , als Nachwuchsmitglied der Republikanischen Partei, vor. Ein kleines, funkelndes Satire-Juwel.

Rocketboom ist ein Videoblog, kurz: Vlog, und nicht nur irgendeins dieser sich rasant verbreitenden, jüngsten Entwicklungsstufe internetspezifischer Formate - nach normalen Blogs (von „Weblogs“, Internet-Tagebüchern), Fotoblogs, Moblogs (mobil erstellte Blogs) und Podcasts (selbstproduzierte Hörstücke, die man auf dem iPod abspielen kann). Es ist, schreibt der britische Independent , „das Vlog, von dem jeder spricht.“ Zu Recht: Was rocketboom auszeichnet und innerhalb eines Jahres eine Zuschauer-Gemeinde von mehr als 50.000 täglich – Tendenz rasch steigend – verschafft hat, sind nicht nur Witz, Charme, die Lust am Absurden und die besondere Präsenz Amanda Congdons, sondern der hohe Grad an Professionalität, mit der die Moderatorin und der Produzent und Erfinder von rocketboom , Andrew Baron, ans Werk gehen.

Jeden Werktag um 9 Uhr morgens (15 Uhr in Deutschland) stellen die beiden New Yorker eine neue, dreiminütige Show ins Netz. Da kann es um alles Mögliche gehen: fliegende Rasenmäher oder die Möglichkeit einer permanenten Schlauchverbindung zwischen der Erde und einer Weltraumstation, um die Berufung John Boltons zum amerikanischen UN-Botschafter oder die Überschwemmung von New Orleans.

Die Idee für die Video-Website kam dem 35-jährigen Andrew Baron, der seit über zehn Jahren keinen Fernseher mehr besitzt, während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs, als das Netz auf einmal vor bewegten Bildern nur so wimmelte. Baron suchte per Annonce eine Moderatorin, 450 bewarben sich und er engagierte die 24-jährige Schauspielerin Amanda Congdon für 50 Dollar pro Sendung. Rocketboom ist seitdem ihr Gemeinschaftsprodukt: Tagsüber schicken sie sich Ideen und Skripts per E-Mail hin und her, abends um sechs treffen sie sich, um in einem erbsengrünen Konferenzraum in Manhattan die Moderationen aufzuzeichnen. Danach arbeitet Baron daheim an der Postproduktion.

„Als ich anfing, hatte ich keine Ahnung, wohin das Ganze führen würde“, sagt Amanda Congdon im Gespräch. „Ich war auch nicht wirklich auf dem Laufenden, was die Internet-Community angeht. Aber ich wollte, dass die Show ein Erfolg wird“. Rocketboom , an dem Congdon mittlerweile als gleichberechtigte Geschäftspartnerin beteiligt ist, wuchs schnell. Die absurden, aber wahren Meldungen und Berichte aus internationaler Kultur, Technik und Weblog-Sphäre kommen an - nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt, insbesondere in Japan.

Zuschauer, die rocketboom meist per RSS abonniert haben, senden Anregung für Beiträge oder digitale Videos. Mittlerweile hat die Website sogar eine Reihe von field correspendents , die von Los Angeles, Minneapolis, Huston und Bosten aus berichten. Auch in der Alten Welt ist das Vlog präsent, in Prag und im „deutschsprachigen Teil Europas“, aus dem Korrespondent Stefan M. Seydel („SMS“) sendet.