Fassungslosigkeit um 18.01 Uhr in den Gesichtern im Konrad-Adenauer-Haus. Das Begreifen dauert länger als eine Stunde. Unterstützer aus der Wirtschaft, ehemalige Kohl- und Stoiber-Mitstreiter - sprachlos. Roland Koch stehen die Schweißperlen im Gesicht. Eben sagte er noch als erste Reaktion in die Fernsehkameras: "Keine Zeit für Personaldebatten", es gehe um die Sache. Doch zeitgleich laufen ein paar Meter weiter die Mutmaßungen der Medien und auch mancher Unionisten in eine ganz andere Richtung: Ist das jetzt die Stunde von Koch, Wulff und dem Rest des Anden-Paktes?

Vieles, was in spontaner Reaktion von den Spitzenleuten bekundet wird, wird nebenan schon bezweifelt. Westerwelle schließt eine Ampelkoalition aus; in der CDU-Zentrale wurde er dafür spontan bejubelt, obwohl er ihnen doch die Zweitstimmen abgezogen hat. Wie lange werden diese Ansagen halten? Die Journalisten, bis 17.59 Uhr eher auf eine Kanzlerin Merkel eingestellt, diskutieren schon: Wie lange wird die Männer-Solidarität mit Merkel halten - eine Nacht, einen Tag, zwei Wochen? Wann wird die Frage kommen nach der Schuld für dieses drittschlechteste Wahlergebnis der Union in der Geschichte der Bundesrepublik. Keiner, nicht die größten Merkel-Skeptiker, nicht ihre größten Feinde, haben vermutet, dass sie ein schlechteres Ergebnis einfahren wird als ihr Konkurrent Edmund Stoiber im Jahr 2002. Keiner. Nun geht es los, hier in der Halle, in der aufgeregt diskutiert wird - und keiner mehr das frischgemalte schicke CDU-Orange an den Wänden beachtet.

Es ist anzunehmen, dass zur Stunde auch Telefonate geführt werden zwischen Koch, Wulff, Stoiber und den anderen. Dass die Frage hier hinter verschlossenen Türen bereits gestellt wird: Kann die es wirklich? Hat sie nach diesem schiefgelaufenen Wahlkampf das Zeug dazu, eine starke Kanzlerin einer Großen Koalition zu sein? "Schwierig" nennt Merkel das Ergebnis in der ersten Reaktion, im zweiten Interview verwendet sie schon das Wort "kompliziert". "Ist das der Anfang vom Ende der Führungskraft Merkel?", fragt der Chor. Die Unzufriedenheit über Merkel, in den vergangenen Tagen schon spürbar, ist mit Händen zu greifen. Und was sagt der CSU-Fuchs Michael Glos: "Wir müssen schauen, was wir in Zukunft besser machen können." Übersetzung Politiker-Talk: Das kann alles heißen. Angie, gestern noch besungen, kann morgen schon Freiwild sein.

Wie die Drei vom Beerdigungsinstitut stehen sie da, Merkel, Stoiber und CDU-Generalsekretär Kauder, allesamt in dunklen Gewändern, als sie bereits innerhalb der ersten Stunde des schmerzhaften Ergebnisses an die Öffentlichkeit treten. Merkel wie versteinert, wenngleich erstaunlich gefasst. Stoiber fällt durch leichtes Grinsen auf, auch später in der ARD-Spitzenrunde.

Das Erstaunliche für alle hier ist, dass sich die Union nicht einmal mehr ihrer Kanzlerschaft ganz sicher sein kann, obwohl sie die stärkste Fraktion im neuen Bundestag bilden wird. Denn der Kanzler will jetzt nochmal ran, befeuert durch den Wahlkampf, der besser lief, als er dachte. Man diskutiert bei der Union, ob Westerwelle zum Königsmacher wird und spekuliert, ob Schröder ihn doch noch rumkriegt.