Wie abfällig der Ton des politischen Personals gegenüber einer Großen Koalition ist. Oder realitätsverweigernd wie im Falle von Angela Merkel zu Beginn der Woche ("Es wird keine Große Koalition geben"). Roland Koch, hessischer Ministerpräsident der CDU, war heute in Berlin und schuf zu diesem Thema ein irrwitziges Sprachbild, während um ihn herum Handwerker die CDU-Zentrale für den Wahlabend in eine große Party-Zone verwandelten. "Wenn Sie es mir nicht übel nehmen - ich habe keine Lust zu Philosophierereien über die Große Koalition. Natürlich kann ein Zug auf der Strecke stehen bleiben und es werden trotzdem weiter Getränke ausgegeben. Aber der Zug steht und ich weiß nicht, in welchen Bahnhof er fährt. Wir wollen fahrende Züge." Ähm, ja.  Er sagt dann noch zum Kollegen der FAZ, der danach gefragt hatte: "Was soll ich jetzt mit Ihnen über die Getränkeausgabe sprechen?". Sinngemäß: Wo es doch mindestens um einen neuen Weltraumbahnhof geht! "Soso, sie werden vom Koch zum Kellner?" - Koch: "Klar, wir sind in einer Dienstleistungsgesellschaft".

Blödelei, Unernstigkeiten, der Lage nicht angemessen. Häme. Oft kommt das Stillstands-Argument. Woher wissen das Politiker (und manche Kollegen) eigentlich so genau und sicher, dass eine Große Koalition Stillstand bedeuten würde? Verfügen die über irgendwelche CIA-Informationen, die wir nicht bekommen? Geheimpapiere von untreuen Finanzbeamten, todsichere Prognosen, Listen, Statistiken, Beweise? Wäre nicht zumindest ein Abwägen angebracht oder wenigstens die Ansage: "Wenn es denn so kommt, machen wir das Beste draus, auch wenn wir es nicht angestrebt haben"? Was sollen eigentlich jene Wähler denken, die eine Große Koalition ganz gerne mal für vier Jahre ausprobiert hätten, weil sie es jeder einzelnen Volkspartei nicht mehr zutrauen, das Land ordentlich zu steuern?

Man beginnt zu ahnen, weshalb drei Tage vor der Bundestagswahl - oder wie es einer heute ausdrückte "in den letzten zwei Minuten des Wahlkampfes" - zwei CDU-Ministerpräsidenten Angela Merkel Schützenhilfe geben müssen, brav austariert in West (Koch) und Ost (Althaus) - und weshalb da nicht zum Beispiel Peter Harry Carstensen am Mikro steht, der vermutlich zumindest auf Nachfrage deutlich sagen würde, dass er ganz zufrieden ist mit seiner Großen Koalition in Schleswig-Holstein und dass man da durchaus was voranbringen kann. Hoho, würden die Besserwisser höhnen, man kann dieses strukturschwache Bundesland mit seinen Schafherden doch nicht mit der Bundesrepublik gleichsetzen. Roland Koch kann von Glück reden, dass heute unerwähnt blieb, dass er zusammen mit dem designiertem Großkoalitionär der SPD, Peer Steinbrück, ein Papier erarbeitet hat, dass seither ihrer beider Namen trägt und immer noch aktuelle Vorschläge enthält zur Streichung von Subventionen, also zur Verringerung der Staatskosten - ein gemeinsamer Versuch zweier Ministerpräsidenten von Union und SPD. Geht doch.

Irgendwer hatte beiden Parteien für diesen Wahlkampf eingeflüstert, sie müssten sich so konturscharf wie möglich voneinander abgrenzen, was sie nun verzweifelt versuchen  (warum müssen sie das eigentlich?) - wobei in diesen Tagen Zerrbilder ihrer Politik und Leitbilder entstehen, die nicht existieren. Wunderbare Pointe - freut man sich bei Schröders - dass Angela Merkel mittwochs nach der Sitzung ihres so genannten Kompetenzteams ausgerechnet das Motto "Mut zur Veränderung" ausrief - just diesen Titel hatte die eine, richtig große Regierungserklärung des SPD-Kanzlers am 14.März 2003, als er die Agenda-Reformen ankündigte: "Mut zum Frieden, Mut zur Veränderung".