Während die Ostküste Amerikas vor "Ophelia" zittert, dem herannahenden Hurrikan, gewinnt auch die wissenschaftliche Diskussion um die Ursachen des Sturmgeschehens über dem Atlantik an Intensität. Eine soeben im Wissenschaftsjournal Science veröffentlichte Studie amerikanischer Forscher kommt zu dem Schluss, dass die Zahl der besonders starken Wirbelstürme über dem Atlantik und dem Pazifik (Stärke 4 und 5) in den vergangenen 35 Jahren vermutlich zugenommen hat. Im gleichen Zeitraum stieg die Temperatur an der Meeresoberfläche, weshalb die Autoren vorsichtig fragen, ob darin ein Zusammenhang gesehen werden muss.

Zwar existiert nach allgemeiner Auffassung eine Kausalbeziehung  zwischen den Temperaturen der Meeresoberfläche und der Entstehung von  Hurrikanen, aber wenngleich sie im Groben verstanden ist, so  weiß man doch wenig über ihre Details. Auf die Einzelheiten indes  kommt es an, denn die einzelnen Umstände bestimmen über die  Lebensdauer und die Wucht der Stürme. Versuche, Stürme über erwärmten  Meeren im Rechner zu simulieren, kommen immer wieder zu sehr  unterschiedlichen Ergebnissen, verlässlich ist da nichts.  Infolgedessen bemüht sich die Wetterkunde darum, aus langen  Messzeiträumen ihre Schlüsse zu ziehen. Eine Erkenntnis hat sie  immerhin auf diese Weise gewonnen: Die Gesamtzahl der Zyklone  zerstörerischen Ausmaßes (Hurrikans und Taifune) schwankt zyklisch  und vollkommen unabhängig von der globalen Erwärmung. Auch das steht  in der Science -Studie, und ebenfalls, dass die Intensität der  heftigsten Zyklone mitnichten zunimmt.

Auffällig angestiegen ist in den vergangenen drei Dekaden freilich die Zahl der intensivsten Stürme, also solcher, die einen Namen wie "Katrina" erhalten, zumindest nach dieser jüngsten Studie, die sich auf Satellitendaten stützt. Solche Daten sind nicht so verlässlich wie die Messergebnisse aus Flugzeugen, aber sie haben immerhin den Vorteil, dass sie aus allen interessanten Regionen stammen, also keine Stichproben sind. Die Autoren der Science -Studie schreiben allerdings einschränkend, dass der Messzeitraum zu kurz ist, um aus ihm einen langfristigen Trend abzuleiten, der mit den Veränderungen des Weltklimas in Verbindung gebracht werden könnte.

Die in der Wissenschaft vorherrschende Unkenntnis über die Entstehungsbedingungen von starken Stürmen fügt diesen Ungewissheiten eine weitere hinzu, weshalb der Leiter des amerikanischen Forscherteams in einem Interview erklärte: "Wenn wir verstehen würden, warum es jährlich und weltweit etwa 85 Wirbelstürme mit Namen gibt, nicht aber 25 oder 200, dann könnten wir vielleicht sagen: Das, was wir da messen, entspricht den Erwartungen an ein Szenario der globalen Erwärmung. Doch ohne dieses Verständnis sind Aussagen über die zukünftige Zahl oder Intensität tropischer Stürme in einer wärmeren Welt nichts als statistische Extrapolationen."

Nicht anders sieht dies übrigens der Autor eines vor wenigen Wochen im Wissenschaftsjournal nature veröffentlichten und seither viel zitierten Hinweises aus dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), der ebenfalls eine wachsende Zahl besonders starker Stürme vermutet. Er weist darauf hin, dass die Zahl der intensivsten Zyklone gleichwohl zu gering sei, um damit stark aussagefähige Statistiken über Wetterzusammenhänge zu begründen.

Andere Sturmexperten gehen noch weiter und wagen die Prognose, dass sich eine Beziehung zwischen Hurrikans und Erderwärmung erst gegen Ende des Jahrhunderts oder gar niemals wird zeigen lassen. Doch es gibt ebenso gut Gegenmeinungen angesehener Experten. Weshalb nur eines bleibt: weitere und genauere Studien, neuerliche Messkampagnen, also mehr Forschung. Die Wahrheit wird nur in den Daten erkannt werden, nicht durch bloßes Nachdenken oder Argumentieren.