Die drei Männer sitzen lässig auf ihren Stühlen, die Füße des einen ragen weit unter dem Tisch hervor, ein anderer öffnet seine Aktentasche und holt sich ein Getränk heraus, der Höfliche stellt seinen Stuhl so, dass er den Richter ansehen kann. Die Männer strahlen eine Selbstzufriedenheit aus, die fast mit Händen zu greifen ist. Und sie sind auch rein optisch die ideale Besetzung. Der Draufgänger mit dem Stoppelschnitt, der Schwiegermutter-Typ mit lockigem Haar und Brille und der Fuchs, der die Fäden zieht. Es sind die Anwälte der drei Brüder Sürücü, die angeklagt sind, gemeinsam ihre Schwester Hatun ermordet zu haben.

Die drei Angeklagten sitzen hier im Oberlandesgericht Berlin-Moabit hinter Panzerglas, dessen spiegelnde Scheiben sie wie ein Schleier verbirgt. Das ist den Anwälten sicherlich recht, denn die Angeklagten sind das einzige Sicherheitsrisiko in diesem Prozess. Ein falsches Wort von ihnen könnte die hübsche Verteidigungsstrategie durcheinanderbringen. Die Angeklagten reden deshalb auch nicht selbst und lassen ihre Anwälte Erklärungen abgeben und ankündigen, fortan zu schweigen. Der Anwalt des jüngsten Angeklagten liest ein Geständnis vor: "Ich habe meine Schwester getötet. Ich habe die Tat allein begangen." Er habe den Lebenswandel der Schwester missbilligt, würde die Tat jetzt bereuen. Damals sei er zu unreif gewesen, um zu begreifen, was er tat. Der Anwalt redet von der Sorge um die Familie, der fünfjährige Sohn der Schwester könne auf die schiefe Bahn geraten, empört sich über ihren Lebenswandel und als sie ihm auch noch sagt, dass sie selbst entscheide, mit wem sie ins Bett gehe ("Ich ficke mit wem ich will", soll Hatun gesagt haben) lässt er den Angeklagten gestehen: "Das war für mich zu viel, ich zog die Pistole und schoss."

Für mich klingt dieses Geständnis wie die Phantasie eines oberschlauen Juristen: "Lass mich mal machen. Ich weiß, was das Gericht hören muss, um ein mildes Urteil zu fällen."

Der Richter fragt nach, ob dieses Geständnis von ihm sei, denn es ist zu offensichtlich, dass sowohl die Diktion wie der Inhalt nicht vom inzwischen 20-jährigen Täter stammen kann. Auch bei dieser Antwort ist der Anwalt schneller als sein Mandant und mit einem Lächeln verteilt er das schriftlich vorliegende Mordgeständnis. Es enthält alles, was nicht mehr zu bestreiten ist (den Mord) und was strafmildernd wirken kann (Unreife, Reue, Einsicht). Die Anwälte der Brüder, der Brillenträger mit dem lockigen Haar für den Brillenträger, der Fuchs für den mutmaßlichen Drahtzieher, verlesen Erklärungen, die eine Tatbeteiligung bestreiten, ja sie versuchen ein Bild einer Familie zu zeichnen, die sich auseinandergelebt hat.

Und doch scheint das Vorgehen aufs Genaueste miteinander abgestimmt, bis hin zur (sicher durch Prozesskostenbeihilfe finanzierten) Nebenklage, die von einer Schwester der Ermordeten vertreten wird und offensichtlich den vorrangigen Zweck verfolgt, der Familie den ständigen Zugang zum Prozess zu ermöglichen. Wenigstens machen die aufmunternden Blicke der verschleierten Schwester Richtung Anklagebank nicht den Eindruck, dass sie noch eine Rechnung mit den Brüdern offen hat.

Die Anwälte werden vermutlich beantragen, für den jüngsten Bruder das Jugendstrafrecht anzuwenden. Dann würde er zu höchstens acht bis zehn Jahre Jugendstrafe verurteilt werden und seine Brüder straflos davonkommen. Die Anwälte präsentieren einen Einzeltäter, um von der gesellschaftlichen Dimension des Falls abzulenken. Das ist einfach, denn deutsche Juristen, auch Staatsanwälte und Richter sind Spezialisten im Individualstrafrecht, für sie ist das selbstverantwortliche Handeln des Einzelnen Grundlage ihres Weltbildes.

Wir haben es aber inzwischen auch in Deutschland in muslimischen Communities mit einem ganz anderen Menschen- und Weltbild zu tun. Diese Menschen leben nicht nach den zehn Geboten oder den Prinzipien unserer Verfassung. Diese Werte sind ihnen unbekannt und widersprechen ihrer Kultur. Sie leben in einer muslimisch-archaischen Parallelwelt, in denen sie den vermeintlichen Gesetzen der Scharia folgen.

Zunächst bedeutet das, dass nach Auffassung dieser Muslime - und die Familie Sürücü stellt sich in allen bekannten Details als strenggläubig dar - es ein vom Familienverband losgelöstes "Ich" gar nicht gibt. Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, Onkel oder Gott zu "Respekt", sprich Gehorsam, verpflichtet. Die Männer sind für die Töchter und Schwestern, die "Ehre der Familie" verantwortlich. Sie kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Dem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen. In diesem Weltbild gelten die von Allah über Mohammed den Menschen gegebenen Gesetze vor allen anderen. Darauf gründet sich nach Auffassung der Muslime die unerschütterliche Autorität der Scharia. Und nach dem Koran ist das, was die Brüder Sürücü getan haben, nicht verwerflich. Sexualität ist nach muslimischer Auffassung nur innerhalb der Ehe zulässig. Alles andere ist Unzucht und die kennt im Koran kein Mitleid.

So wie Hatun lebte, verstieß sie nach dieser Auffassung gegen den Koran. Sure 24 "Das Licht", Vers 2: "Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jeden von ihnen hundert (Peitschen-)Hiebe! Und lasst euch im Hinblick darauf, dass es (bei der Scharia) um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt!" Der Mörder nannte in seinem Geständnis seine Schwester mit dem Kosenamen Aynur, was soviel wie "Licht" oder "so hell wie der Mond" bedeutet. Und in Sure 17, Vers 32 heißt es: “Und lasst euch nicht auf Unzucht ein! Das ist etwas Abscheuliches – eine üble Handlungsweise! 33: Tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid.“ Und Sure 4, 18: „Diejenigen (gemeint sind die Frauen) haben keine Vergebung zu erwarten, die schlechte Taten begehen und darin verharren.“ Nach Auffassung der Scharia gehört die Tötung eines Menschen – auch der vorsätzliche Mord – nicht zu den Kapitalverbrechen, weil hier nicht Gottes Recht, sondern nur menschliches Recht verletzt wurde. Ehebruch wird allerdings unter die Hadd -Vergehen, die Kapitalverbrechen eingeordnet, während Mord zu den Qisas -Vergehen, den Verbrechen mit Wiedervergeltung gehört.

Die Anwälte werden sagen, die Weltanschauung der Angeklagten stehe nicht vor Gericht. Sie werden versuchen zu verhindern, dass die Ursachen der Tat ans Licht kommen, weil der Prozess dann möglicherweise schlecht für ihre Mandanten ausgeht. Sie verhelfen so vielleicht dem Mörder und seinen mutmaßlichen Komplizen zu vorzeitiger Freiheit, sie verharmlosen aber im Namen der (Rechts-)Freiheit den Tod einer jungen Frau. Sie machen ihren Job und gleichzeitig sich selbst zu Anwälten der Scharia, ganz im Sinne des Imams von Izmir, der spöttisch über die rechtschaffenden Deutschen sagte: „Mit euren Gesetzen werden wir euch besiegen.“  Dieser Prozess könnte ein Lehrstück werden, um der um sich greifenden Praxis der „Ehren-“ oder „Schandemorde“ Einhalt zu gebieten. Nämlich in dem sich das Gericht dazu bekennt, gründlich nicht nur Umstände, sondern auch die Hintergründe und Ursachen der Tat zu ergründen. Es würde vielen Frauen zukünftig das Leben retten, wenn klar wird, dass diese Gesellschaft keinen Ausländer- oder Islambonus verteilt, sondern die Werte der Zivilisation verteidigt. Die Anwälte können ihren Teil dazu beitragen indem sie die Angeklagten auffordern, für sich selbst zu sprechen.

* Die Autorin lehrt Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in HamburgDie Autorin lehrt Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg