Das tief zersplitterte Wahlergebnis vom vergangenen Sonntag hat mich zutiefst an die Geschichte der Weimarer Republik erinnert.

Die Deutschen haben sich Angela Merkel verweigert. Sie haben die Aussicht auf eine Politik der knapperen öffentlichen Kassen abgelehnt, der enger geschnallten Gürtel im Sozialbereich und der freieren Märkte. Es gibt einen Konsens gegen jede Andeutung einer Politik nach amerikanischem Vorbild oder einer "Thatcher light". So beharrlich Deutschlands Probleme mit Unterbeschäftigung und geringen Investitionen auch sein mögen, erscheint der drohende Abbau des Sozialstaates unter Christdemokraten und Liberalen - mit seinen zweifelhaften Erfolgsaussichten - der Mehrheit der Wähler unerträglich. Dies war die Grundlage für Schröders persönliches und plebiszitäres Comeback.

Der größte Gewinner dieser Wahl war allerdings die Linke (plus 4,6 Prozent). Ihr Gewinn an Wählerstimmen war weitaus größer als das vieldiskutierte Zulegen der FDP (plus 2,5 Prozent). Es war die Quittung der SPD (minus 4,3 Prozent) für ihre Hartz-Initiative, für ihre Entscheidung, eine Führungsrolle in der so genannten Reform des Wohlfahrtsstaates zu übernehmen. "Gerade noch erträglich schmerzhaft, aber ohne sichtbare Erfolge", scheinen diese ehemaligen SPD-Wähler über Schröders Reformprogramm zu denken. "Schröders Dritter Weg führt in die Sackgasse, nur die Opposition ist noch schlimmer." Zugleich verzeichneten die Grünen, deren Wirtschaftspolitik ich der Tradition des progressiven Liberalismus zuordne, mäßige Verluste (minus 0,5 Prozent). Es war ein Zeichen dafür, wie wenig diese politische Richtung innenpolitisch and außenpolitisch zur derzeitigen Krise zu sagen hat.

Ein großer Teil dieser Zersplitterung erinnert an die späten Zwanziger Jahre. 1928 versuchte die SPD als größte Partei im Lande, der ersten großen Krise des modernen Wohlfahrtsstaates Herr zu werden. "Sozialstaat" nannte man ihn damals, und seine Gegner sprachen spöttisch vom "Fürsorgestaat". Die Arbeitslosigkeit war hoch und angeblich strukturell bedingt. Unternehmer konnten oder wollten nicht investieren und klagten über mangelnde Profite. Deutschlands Anteil am internationalen Handel schwankte, obwohl die Wirtschaft zunehmend davon abhängig war. Die Steuerlast konnte man als erdrückend bezeichnen, während öffentliche Haushalte dennoch große Defizite entwickelten, besonders die Städte und Gemeinden. Fragen der Einwanderung, vor allem polnischer Landarbeiter und Juden aus Osteuropa, entflammte die Debatten. Die internationale Ordnung mit ihren kürzlich neu gezogenen Grenzen war im schnellen Wandel begriffen. Ihrem Parlament warfen die Deutschen Geschäftigkeit bei den kleinen Dingen vor - das Wort vom "Kuhhandel" machte häufig die Runde - aber Lähmung in den großen Fragen.

Damals steckte der SPD-Kanzler Hermann Müller in einer Zwickmühle, die heute auch Gerhard Schröder vertraut ist. Die SPD-Mitglieder aus der Gewerkschaftsbewegung, und auch viele andere, hielten ihre Errungenschaften für unantastbar - allen voran die Arbeitslosenunterstützung, den Tarifschutz und die Umverteilung von Einkommen im Sinne sozialer Gerechtigkeit. Zur Linken der SPD mit ihren 29,8 Prozent der Wählerstimmen (heute 34,2 Prozent) stand damals die KPD mit ihren 10,7 Prozent (die Linkspartei gewann am Sonntag 8,7 Prozent). Sie warf der SPD einen Betrug der arbeitenden Bevölkerung vor, wie es heute Lafontaine und Gysi tun. Ob Rot-Rot zusammenarbeiten konnte, wurde zur kritischen Frage der Epoche. Heute weiß jeder, dass sie es nicht konnten. Hermann Müller vertraute statt dessen, wie heute Schröder, auf die progressiv-liberalen Kräfte im Parlament. Das waren damals die Deutsche Demokratische Partei (DDP), und heute sind es die Grünen. Doch die DDP war damals auf 5 Prozent geschrumpft (kein Joschka) und hatte in Fragen der Wirtschaftspolitik nicht viel anzubieten. Ihre Stärke lag in anderen politischen und kulturellen Fragen.

Wer heute über eine rot-grün-gelbe Koalition nachdenkt, kann sich aus der Geschichte einige Inspiration holen. Die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) unter dem Außenminister Gustav Stresemann beteiligte sich damals am Kabinett Müller. Stresemann, eine große Persönlichkeit in der Welt der Großwirtschaft, hatte dafür gute Gründe. Doch die Kooperation mit der SPD führte zur Fragmentierung seiner eigenen Partei. Die DVP hat ihren Wahlerfolg aus dem Jahr 1928 (8,6 Prozent) später nie wieder erreicht. Guido Westerwelle sollte womöglich nicht seine "wirtschaftsfreundlichen" 9,8 Prozent in einer Koalition riskieren, die den Wohlfahrtsstaat bewahren will.