Wolfsburg ist die Stadt der Zukunft und die Stadt der Krise. In ihr herrscht das größte Glück der größten Zahl, und doch leidet die Stadt an sich selbst. Wolfsburg hat alles, wovon Provinzstädte dieser Größe nur träumen können: einen Bundesliga-Fußballclub, eine Sportarena und ein Kunstmuseum. Und eine Auto-Universität nebst Science Center aus der Hand der iranischen Star-Architektin Zaha Hadid. Doch was immer geschieht, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auf Schritt und Tritt begegnet die Stadt sich selbst. Wolfsburg hat seinen Schatten, und noch nie wurde es ihn los: den Schatten der Monokultur.

Denn eigentlich ist die Stadt keine Stadt, sondern eine Firma. Wie in den italienischen Städten des Mittelalters scharen sich die Bewohner um den majestätischen Turm eines mächtigen Herrschergeschlechts. Der Herrscher heißt VW. Wachsam schwebt sein Auge über den Dächern. Er verleiht der Stadt das Selbstgefühl, und in seinem Zeichen erstrahlt alles. Er regiert selbst dort, wo er unsichtbar bleibt. Bitten die Knei-pen in der hässlichsten Fußgängerzone der Welt zum Ball der einsamen Herzen, heißt das Liebesmotto "V sucht W". Präsentiert VW einen neuen Künstler am Hofe, scheint er frei wie ein Vogel. Doch gerade in seiner Freiheit ist er dem Herrscher zu Diensten. "Fantasie, Kreativität, Mut", sagt der Herr von der VW-Bank, sei dem Hause höchst willkommen.

Auch die schlagende Verbindung zwischen Politik und Konzern läuft wie geschmiert. Alle Politik scheint hier Industriepolitik, und man ist verblüfft, dass in Wolfsburg Politiker von Bürgern gewählt und nicht von VW ernannt werden. Als vor Jahr und Tag ein neues Kompaktmodell gefeiert wurde, nannte sich die Stadt stolz und peinlich "Golfsburg". Vielleicht heißen die politischen Parteien bald nicht mehr SPD oder CDU, sondern "Fox" oder "Phaeton", je nach politischer Fahrtrichtung. Nur das Glockenspiel am Rathaus folgt einer ganz eigenen Melodie. Sie stammt aus älteren Zeiten und intoniert auch schon mal "Lobet den Herrn".

Aber was heißt "ältere Zeiten"? Wolfsburg erhielt seinen Namen erst nach Kriegsende, und zwar auf Drängen der britischen Besatzungsmacht. Bis dahin hieß die Ansiedlung zwischen Harz, Heide und Altmark, und das ist kein Witz, "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben". In Fallersleben wurde 1798 Heinrich Hoffmann, der Dichter der Nationalhymne, geboren, und viel mehr Tradition hat der karge Landflecken am Mittellandkanal auch nicht zu bieten. Am Himmelfahrtstag 1938 legte Adolf Hitler den Grundstein für eine gigantische Autofabrik,

die nach dem Vorbild von Fords Detroiter "River Rouge"-Werk innerhalb von achtzehn Monaten aus dem Boden gestampft wurde. Wenige Wochen später begann ein Protegé von Albert Speer, der österreichische Architekt Peter Koller, mit dem Aufbau der "Stadt des KdF-Wagens" (KdF = Kraft durch Freude). Sie sollte industrielle Produktion und häusliches Wohnen in einem urbanen "Organismus" vereinen, mit der Fabrik als "Stadtkrone" am Ende einer triumphalen Aufmarschallee.

Von Anfang an bildete der "Olymp der Arbeit", so die NS-Propaganda, das Zentrum der nationalsozialistischen Auto-Mobilmachung. Von hier aus sollte der von Ferdinand Porsche konstruierte "Volkswagen" das Land überrollen, und über 300.000 Käufer hatten bereits für das 1000 Reichsmark teure Gefährt gespart. Die meisten bekamen es nie zu Gesicht. Denn nach Hitlers Überfall auf Polen wurden in der Retortenstadt keine "Käfer" produziert, sondern Kübelwagen, Tellerminen, Panzerfäuste und Flugbomben. Die Autoschmiede verwandelte sich in einen Rüstungsbetrieb mit unterirdischen Tochter- und Zweigwerken, sogar Mussolini schickte dem Verbündeten einige Tausend Aufbauhelfer. Ferdinand Porsche, der Homo Faber des "Dritten Reiches", besaß gute Verbindungen zur Reichkanzlei, paktierte mit der SS und "bestellte" bei Heinrich Himmler Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. 1944 bilden sie fast zwei Drittel der Belegschaft. Insgesamt, so schreibt der Historiker Manfred Grieger, lag die Zahl der Zwangsarbeiter bei 20.000 Menschen. Vor allem jüdische KZ-Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene waren oft entwürdigenden Schikanen ausgesetzt; viele wurden Opfer der NS-Devise "Vernichtung durch Arbeit". Neugeborene Kinder von Zwangsarbeiterinnen ließ der zuständige Werksarzt durch systematische Unterversorgung umbringen (britische Militärbehörden verurteilten ihn 1947 zum Tode). Doch im Gegensatz zur Daimler-Benz AG hat die Firma Volkswagen ihre furchtbare Geschichte rückhaltlos aufgeklärt, zahlreiche Dokumentationen erstellt und in einem ehemaligen Luftschutzbunker eine "Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit" eingerichtet.