Die Union macht eine große Koalition mit der SPD von der Kanzlerschaft der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel abhängig und will im Zweifelsfall auch ein Scheitern der Verhandlungen in Kauf nehmen. Die SPD plädiert für ein Bündnis mit der Union nur "auf gleicher Augenhöhe". Anders als bei früheren Koalitionen stünden sich diesmal zwei annähernd "gleich starke Partner" gegenüber, betonte Parteirats-Vorsitzender Rüdiger Fikentscher nach Beratungen der SPD-Gremien am Montag in Berlin.

Bundespräsident Horst Köhler äußerte Verständnis für die Probleme bei der Regierungsbildung. "Ich glaube, dass man von den Parteien nicht erwarten kann, dass sie binnen einer Woche einen so komplizierten Wahlausgang lösen", sagte er in Jena. Er sei jedoch optimistisch, dass die Parteien ihrer Verantwortung gerecht werden.

Die SPD habe "überhaupt keinen Anlass", vom Führungsanspruch Gerhard Schröders abzuweichen, sagte Fikentscher. "Wir gehen mit dem Ziel, mit dem Kanzler Gerhard Schröder regieren zu wollen, in die Sondierungsgespräche. Das war so, das ist so", sagte SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter. Schröder wiederholte laut Teilnehmern seine Aussage, bei dem Streit um die Kanzlerschaft "geht es nicht um mich, sondern um unsere Politik".

Schröder habe in den Führungsgremien klar gemacht, dass er eine "stabile, auf vier Jahre angelegte Koalition" wolle. Die SPD wolle ihre Reformen fortsetzen, dem Sozialstaat eine Perspektive geben und die ökologische Erneuerung vorantreiben. Deshalb müssten die Inhalte in den Koalitionsgesprächen zuvor gründlich "ausverhandelt" werden.

Merkel skizzierte nach einer Präsidiumssitzung der CDU ihre Forderungen: "Die Voraussetzung ist, was die Vertrauensbasis angeht, die Anerkennung, dass wir als der größere Partner die Kanzlerin stellen." Erst dann könne über Koalitionsverhandlungen entschieden werden. Es gebe "völlige Übereinstimmung darüber, dass der Regierungsbildungsauftrag für die Union bei mir liegt". Laut Teilnehmerkreisen war dies einhellige Meinung im Präsidium, dem auch die mächtigen CDU-Ministerpräsidenten angehören. Sie lehnten auch Überlegungen in der SPD ab, die Regierungszeit zwischen Schröder und Merkel zu teilen.

Union und SPD wollen sich an diesem Mittwoch in erweitertem Kreis zur zweiten Runde ihrer Sondierungsgespräche treffen. Für die Union nehmen daran neben Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber die Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen) und Dieter Althaus (Thüringen) sowie CSU-Landesgruppenchef Michael Glos teil. Für die SPD sitzen neben Schröder und Parteichef Franz Müntefering die Minister Wolfgang Clement (Wirtschaft), Heidemarie Wieczorek-Zeul (Entwicklungshilfe) und Ulla Schmidt (Gesundheit) am Verhandlungstisch.