Washington Harriet Miers, soeben als Verfassungsrichterin nominiert, war nie zuvor Richterin. Sie arbeitete als Anwältin in einer Provinz-Kanzlei. Mit Verfassungsrecht hat sie sich dort nie beschäftigt. Große Fälle hat sie nie betreut. In den Fachzeitschriften hat sie nie publiziert. Leiterin der Rechtsabteilung im Weißen Haus ist sie erst seit knapp einem Jahr. Ihre Ansichten zu den Streitfragen der Gesellschaft, zu Abtreibung und Stammzellforschung, Minderheitenförderung und Föderalismus – alles ein Rätsel. Der ätzendste Kommentar steht im amerikanischen Politmagazin National Review : "Nicht so schlimm wie Caligula". Der wollte bekanntlich sein Pferd zum Konsul erheben. Was also hat Präsident George W. Bush geritten, eine zweitklassige Kandidatin zur höchsten Richterin zu machen?

Zunächst, dass sie eine Frau ist. Im Amt folgt sie einer Richterin nach. Immerhin finden sich im Lebenslauf der von Miers geschlechterpolitische Rekorde: erste Anwältin in ihrer Kanzlei, erste Präsidentin der Anwaltsvereinigung von Dallas, erste Präsidentin der Anwaltsvereinigung von Texas, erste Chefin ihrer Anwaltskanzlei. Derlei Superlative der Miniklasse ließen sich aber in den Lebensläufen von allerlei Richterinnen finden, die dazu Brillianz und Berufserfahrung zu bieten hätten. Drum wird Amerikas Frauenbewegung die Berufung von Harriet Miers als Phyrrhus-Sieg empfinden.

Aber Miers hat etwas, das allen qualifizierteren Kandidatinnen abgeht: Sie steht dem Präsidenten nahe. Der hat ihr in die Seele geschaut und kennt, wie er sagt, "ihren Charakter". Vor einem Dutzend Jahren heuerte er Miers als Anwältin im Streit um die Grundbuch-Eintragung einer Fisch-Bude in Ost-Texas an. Seither hat sie dafür gesorgt, dass Bushs Verhaftung wegen Trunkenheit am Steuer jahrelang nicht publik wurde. Miers kontrollierte die Publizierung von Unterlagen, als es galt, Bushs Dienst in der Nationalgarde nicht als Flucht vor dem Einsatz in Vietnam erscheinen zu lassen. Sie half jene Anwälte auszuwählen, die für Bush im Jahre 2000 den Wahlkrieg von Florida fochten. Und es ist Miers, die jene erzkonservativen Richter findet, mit denen Bush die Bundesobergerichte bevölkert. Kommt dazu, dass sie schon mit dem Präsidenten auf dessen Ranch Unterholz ausgelichtet hat.

Für derlei Gunstbeweise revanchiert Miers sich mit der Bemerkung, sie halte Bush für "den brilliantesten Mann", der ihr "je begegnet" sei. Ihre unbeugsame Loyalität setzt sie in einen 16-Stunden-Tag um. Der Bush-Clan dient ihr als Familienersatz. Ihr roter Mercedes galt auf dem Parkplatz des Weißen Hauses schon mal als "verlassenes Auto". In Köln hieße das alles Küngelwirtschaft – in Washington übrigens auch. So hagelt es Kritik, interessanterweise mehr von rechts als von links. Die Demokraten beruhigt, dass Miers einmal für Al Gore gespendet hat und Bush ihnen damit offenkundig keine reine Ideologin vorsetzt. Genau deshalb sind viele Konservative entsetzt.

Seit der Präsidentschaft Richard Nixons will die Rechte das Verfassungsgericht umpolen, weil sie es für eine Bastion der Linken halten. Als Trauma lebt die Entscheidung des älteren Bush fort, der einen moderat konservativen Richter ernannte, welcher die kulturkämpferische Agenda der Rechten seither nicht unterstützt. Diese Schmach wettzumachen, gilt dem rechten Flügel der Republikaner als historische Aufgabe, und deshalb sehen sie Miers’ Nominierung als verschenkte Chance. David Frum, ehemaliger Redenschreiber Bushs, kommentiert: "Der Druck auf das Gericht, nach links zu driften, ist enorm. Konservative müssen eine bösartige, feindselige Presse ertragen. Für Richter, die einknicken, gilt es kleine Belohnungen: Konferenzeinladungen nach Österreich oder Italien, Vorträge in Harvard oder Yale. Harriet Miers ist eine angespannte und nervöse Person. Ich kann mir schwer vorstellen, dass sie widerstehen wird."

Miers Berufung scheint aus Schwäche geboren, denn George Bush ist gegenwärtig am Tiefpunkt seiner Präsidentschaft angelangt. Seine Popularität und seine Durchsetzungsmacht schwinden zusehends. Er glaubt offenbar, einen Bannerträger der konservativen Revolution im Senat gegenwärtig nicht durchsetzen zu können. Aber aus dieser Lage macht Bush das Beste. Er schöpft aus dem Nichts und entscheidet sich für eine Undercover-Strategie. Weil Miers ein unbeschriebenes Blatt ist, wird sie im Senat kaum zu verhindern sein. Aber Bush weiß vieles über sie, das niemand sonst kennt: Miers ist wahrscheinlich viel konservativer als nachweisbar. Darauf deuten einzelne Bruchstücke aus ihrer Biographie, besonders ihr gelegentliches Engagement gegen die Abtreibung, das ihr Glaube als wiedergeborene Christin ihr nahelegt. So verzichtet Bush bei dieser Nominierung zwar auf Brillianz, rückt aber im Moment seiner größten Schwäche das Land trotzdem nach rechts. Dieser Präsident ist eben geschickter, als seine Verächter sich zumuten wollen zu glauben.