Der Reigen der alljährlichen britischen Parteitage hat ein eigentümliches Phänomen enthüllt: Alle Parteien haben Probleme mit ihrem Führungspersonal. Ob Großbritanniens Konservative, die sich derzeit im nordwestenglischen Seebad Blackpool versammeln, ob Liberaldemokraten oder die regierende Labourparty, die sich Ende vergangener Woche aus Brighton verabschiedete. Die Probleme sind allerdings ziemlich unterschiedlich gelagert. Die Labourparty besitzt de facto gleich zwei Parteiführer, Tony Blair, der nicht im Traum daran denkt den Bettel hinzuschmeißen, und Gordon Brown, dessen Ungeduld, endlich an die Spitze von Regierung und Partei vorzustoßen, mit jedem Tag wächst. Diese Konstellation führt zwangsläufig zu Komplikationen. Die Medien schreiben sich die Finger wund über den Dauerkonflikt im Herzen von Regierung und Labour. Jede Rede der beiden Rivalen wird sorgfältigst abgeklopft auf mögliche feindselige Signale. Auf der Plusseite kann Labour verbuchen, dass man zwei Persönlichkeiten mit unbestreitbarem Führungsformat besitzt.  

Anders die Konservativen. Sie suchen verzweifelter denn je nach einem politischen Messias, der sie nach drei Wahlniederlagen aus oppositioneller Tristesse herausführen kann. An Ehrgeizlingen mangelt es nicht. Zeitweilig konnte der Eindruck entstehen, jeder zweite Tory-Abgeordnete halte sich für fähig, den Job auszufüllen, in dem einst eine Maggie Thatcher brillierte. Nun sind fünf Kandidaten übrig geblieben, darunter Kenneth Clarke, der es trotz seiner 65 Jahre noch einmal versuchen will. Es wird Monate dauern, bis die Spreu vom Weizen getrennt und der neue Parteiführer der Tories gefunden ist. Was weder die Attraktivität der Partei noch ihre parlamentarische Schlagkraft erhöht. Derweil leiden die Liberalen, die andere große  Oppositionspartei, still vor sich hin. Sie würden gerne ihren Parteichef Charles Kennedy loswerden. Auch wenn man dem rotblonden Schotten eigentlich nichts direkt vorwerfen kann. Unter ihm eroberten die Liberalen bei den Wahlen im Mai mehr Mandate als je zuvor. Aber das quälende Gefühl will nicht weichen, dass die Partei unter dem liebenswürdigen, ein bisschen faulen und ziemlich charismafreien Kennedy nicht weiter vorankommen wird. Weil der Mann so nett ist, möchte kein Liberaler den Brutus spielen und politischen Meuchelmord begehen.

Labour kann das personelle Dilemma der Konkurrenz nur recht sein. Selbst die Fortsetzung des Dauerbrenners Blair gegen Brown könnte sich als Vorteil erweisen, solange keine offene, blutige Schlacht zwischen Blairites und Brownites ausbricht. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird Tony Blair noch mindestens drei Jahre im Amt bleiben. Zumal der Premier nach acht Regierungsjahren entdeckt hat, wie viel Reformarbeit unerledigt blieb, was unbedingt seine Präsenz verlangt.

Bleibt Blair bei seiner Entscheidung, nicht noch einmal zu kandidieren und kurz vor der nächsten Wahl zugunsten von Gordon Brown abzutreten, könnte dies die Oppositionsparteien ihres stärksten Triumphes berauben. Der Übergang von Blair zu Brown würde wie ein Neubeginn wirken und den Wunsch der Wähler nach einem Wechsel befriedigen. Gleich, wen die Tories zu ihrem Parteiführer gekürt haben.

Noch aber ist die Ära von Tony Blair nicht zu Ende. Wie sehr sich die britischen und die internationalen Medien in ihrem Schlepptau auch bemüht haben, sein politisches Ende herbeizuschreiben. Fast wirkt es, als dominiere Blair mehr als je zuvor die politische Landschaft Großbritanniens. Sein Parteifreund und Rivale Gordon Brown spricht nun, ohne sich zu verschlucken, von "New Labour", nachdem er in den vergangenen Jahren bewusst auf Distanz zu den Modernisierern um Blair ging und das Wörtchen "New" vermied wie der Teufel das Weihwasser. Gordon Brown weiß, dass die nächste Wahl, die er gewinnen muss, eher mehr "Blairismus" als weniger verlangt. Was immer erboste Gewerkschaftsführer oder Guardian- Kolumnistinnen einwenden mögen: Unter Gordon Brown wird es nicht die sozialistische Wende geben, von der sie träumen. Und der Schatzkanzler wird in den nächsten Jahren alles vermeiden, um beim bürgerlichen Publikum einen gegenteiligen Eindruck entstehen zu lassen.

Kein Zufall ist es, dass selbst die Aspiranten auf den Spitzenjob der Tories immer mehr wie Tony Blair klingen. Ob David Davies, der als Favorit gilt, oder David Cameron - sie verkünden die gleiche Botschaft: von der Reform des öffentlichen Dienstes, von Chancengleichheit und sozialer Fairness. David Cameron, der jüngste der fünf Bewerber für den konservativen Spitzenjob, ist ein erklärter Bewunderer von Blair und will seiner Partei eine Gesundungskur verschreiben, die dem "Dritten Weg" New Labours verblüffend ähnlich ist.
Labour hatte einst den ökonomischen Rahmen akzeptieren müssen, den die Thatcherrevolution schuf. Blair und Brown verwandelten ihre Partei in "Marktsozialdemokraten". Die Tories sind nach drei Niederlagen dabei, die Veränderungen zu akzeptieren, die New Labour bewirkt hat, Sozialstaatsreform und ein gewisses Maß an Umverteilung. Was Großbritannien erlebt, lässt sich als Sozialdemokratisierung des Thatcherismus bezeichnen. Erst hatte die Labourparty ihren Beitrag dazu leisten müssen. Nun ist die Partei Margaret Thatchers an der Reihe, den Schritt ins sozialdemokratisierte Zentrum britischer Politik zu tun.