"Suboptimal" ist das politische Unwort dieser Tage. Nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) seinen Auftritt in der Elefantenrunde am Wahlabend als "suboptimal" bezeichnet hatte, kündigte nun auch Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) eine Debatte über den "suboptimalen Wahlausgang" seiner Partei an - aber erst nach der Regierungsbildung. Doch die Regierungsbildung erweist sich als äußerst zäh und, nun ja, suboptimal, weil sich Union und SPD trotz gegenteiliger Beteuerungen an der Kandidatenfrage immer tiefer festbeißen.

CDU-Generalsekretär Volker Kauder beharrt weiterhin auf einer Kanzlerschaft der CDU/CSU-Kandidatin Angela Merkel. Ohne dieses Zugeständnis werde es keine Koalitionsverhandlungen geben, sagte er der ARD. Der SPD-Vorsitzende Müntefering hält dagegen: "Wir wollen Gerhard Schröder, wir wollen unser Programm", bekräftigte er noch einmal im ARD-Morgenmagazin am Dienstag. Feste Bisse von beiden Seiten. Und am Mittwoch startet doch die dritte Runde der Sondierungsgespräche, die eigentlich den Weg zur Großen Koalition ebnen soll.

Zählbare Ergebnisse aus diesem Spitzentreffen kann es also nur geben, wenn die SPD die in der Dresdner Nachwahl bestätigte Mandatsmehrheit der neuen CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag anerkennt - und damit auch den Anspruch auf eine CDU-geführte Kanzlerschaft in einer Großen Koalition. Die ersten SPD-internen Stimmen gegen einen zukünftigen Bundeskanzler Schröder werden nun lauter und dürften dem Vorsitzenden Müntefering gar nicht schön im Ohr klingen: Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) sprach sich in der Phoenix-Diskussionsrunde Unter den Linden offen für Angela Merkel als Kanzlerin aus. "Nach den Mehrheitsverhältnissen und unter dem Aspekt Ostdeutschland wäre eine Frau, was ja ein großer Fortschritt für Deutschland wäre, und eine Ostdeutsche als Kanzlerin ein wirklich großer Schritt."

Bisher ist das beharrliche Rufen nach einem zukünftigen Bundeskanzler Schröder vor allem Taktik, um die SPD in eine starke Verhandlungsposition gegenüber der Union zu manövrieren. Wenn es Müntefering jedoch gelänge, einer zukünftigen Großen Koalition einen deutlichen sozialdemokratischen Anstrich zu geben und der Union in zentralen Politikfeldern Zugeständnisse an das SPD-Wahlmanifest abzuringen, dann könnte sich Schröder ehrenvoll zurückziehen und sagen, er habe eine starke Regierungspartei SPD mit starken sozialdemokratischen Inhalten ermöglicht. Auf der Tagesordnung der dritten Sondierungsrunde am Mittwoch stehen die zentralen Bereiche Arbeitsmarkt, soziale Sicherungssysteme, Finanzsituation von Bund und Ländern sowie Föderalismus.

Zu den künftigen inhaltlichen Wegmarken sozialdemokratischer Politik äußerten sich vorab auch führende SPD-Vertreter: Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) will in einer Großen Koalition ihre Pläne für ein Elterngeld durchsetzen und sich gegen den von der Union geplanten Rentenbonus für Neugeborene positionieren. Die Frauen in der Union hätten viel Sympathie dafür, das Erziehungsgeld zu reformieren und in eine einkommensabhängige Leistung ähnlich dem Arbeitslosengeld umzuwandeln, sagte Schmidt der Dienstagausgabe der Berliner Zeitung . "Ich sehe dafür gute Chancen." Die Einführung des Elterngelds sei auch sinnvoller, als Geld für den von der Union geplanten "Rentenbonus von 50 Euro aus dem Fenster zu schmeißen", betonte Schmidt. Sie machte zugleich ihre Bereitschaft deutlich, in einer Großen Koalition wieder ein Ministeramt zu übernehmen. "Wenn die Union sich in der Familienpolitik bewegen sollte und am Ende von möglichen Koalitionsverhandlungen die Inhalte stimmen, mache ich sehr gerne weiter."