London - Man muss es dem Booker lassen: Er ist immer für Überraschungen gut. Ein klarer Außenseiter, der 59-jährige irische Schriftsteller John Banville, nimmt dieses Mal die wichtigste Auszeichnung für englische Gegenwartsliteratur, den mit 50.000 britischen Pfund (ungefähr 75.000 Euro) dotierten Man Booker Prize für seinen Roman The Sea mit ins heimische Dublin. Die als Favoriten gehandelten Julian Barnes ( Arthur & George ), Kazuo Ishiguro ( Alles, was wir geben mussten / Never Let Me Go ) und der Nachwuchsstar Zadie Smith ( On Beauty ) gingen dagegen leer aus. 7:1 war die Wettquote für Banville bei William Hill, dem großen britischen Wettanbieter - schon ein five-to-one horse gilt eigentlich als chancenlos.

Ungefähr so aussichtsreich fühlte sich Banville auch vor der Preisverleihung. Die findet stets nach einem ausgiebigen, vom Sponsor gestifteten Dinner mit britischen Litterati und Glitterati in Londons Guildhall statt. Natürlich habe man die Möglichkeit immer im Hinterkopf, sagte Banville später, aber er habe eigentlich nicht mit einem Erfolg gerechnet. 1989 war er mit The Book of Evidence zum ersten Mal im Finale, verlor aber gegen Ishiguros The Remains of the Day ( Was vom Tage übrig blieb ).

Damals machte Banville den Fehler, morgens um acht auf dem Flug von Dublin nach London schon ein bisschen Champagner zu trinken. Als er nach einem wiederum recht flüssigen Lunch schließlich am Abend den Weg in die Guildhall fand, war er hoffnungslos betrunken. "Erst jetzt weiß ich, wie es wirklich hier aussieht", scherzte er.

Dieses Mal genoss der frühere Literaturredakteur der Irish Times , der seit langem ein etablierter und auch auf Deutsch publizierter Autor ist, seinen Erfolg beschwingt, aber nüchtern. Wiederum fiel die Entscheidung dem Vernehmen nach zwischen ihm und Ishiguro. Den Ausschlag gab am Ende, wie später durchsickerte, der diesjährige Jury-Vorsitzende, Anglistikprofessor John Sutherland, der die hohe Qualität aller Finalisten lobte und von einer "schmerzlichen" und "außergewöhnlich engen" Entscheidung sprach.

Er fühle sich wie in einen Hotelraum gezerrt, den er nicht gebucht habe, erzählte Banville in Anspielung auf ein Gedicht von Philip Larkin. Der Booker, der an Autoren aus Großbritannien, Irland und dem Commonwealth vergeben wird, sei großartig für publisher and publishing – für die Verlage, die von dem Rummel profitierten, und für literarische Veröffentlichungen allgemein, die auf diese Weise ungeheure Aufmerksamkeit erhielten. In der Regel ist schon eine Booker-Nominierung auch für die Autoren nicht schlecht: Durch die rührige Publizität des Preises, deren Verleihung live im Fernsehen übertragen wird, schneiden Booker-Bücher schon im Sommer und erst recht im anschließenden Weihnachtsgeschäft in aller Regel hervorragend ab. Von Ishiguros Never Let Me Go wurden beispielsweise bereits 24.000 Exemplare verkauft, von The Sea 3.318.

Banville ist der erste irische Booker-Gewinner seit 1993, als Roddy Doyle für seinen Roman Paddy Clarke Ha Ha Ha ausgezeichnet wurde. Letztes Jahr zog die Jury den kühlen Coming-Out-in-der-Thatcher-Ära-Roman The Line of Beauty des Engländers Alan Hollinghurst dem meisterlichen The Master des Iren Colm Toibin vor. Dennoch sind irische Schriftsteller stets prominent vertreten – "vielleicht, weil wir sonst nicht viel haben", sagte Banville mit einem Anflug von Ironie. "Neben vielen schlimmen Dingen haben uns die Briten mit Englisch eine wunderbare Sprache gebracht, und die irische Gesellschaft ist eine, die auf dem Geschichten-Erzählen aufgebaut ist. Anders gesagt: Wir sind immer für eine Geschichte gut, und wir haben die Sprache, um sie zu erzählen."