Jürgen Klinsmanns Stimme klingt gehetzt und passt so gar nicht zu seinen Worten, die er gebetsmühlenartig für die Kameras der Sportjournalisten wiederholt: "Natürlich ist unser Ziel der Weltmeisterschaftstitel." Diese Aussage klingt wie Schröders Worte im Juni, als die SPD im Umfragetief herumdümpelte, und der Kanzler trotzdem davon sprach, weiter regieren zu wollen. Zu hoffnungslos war der Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei in Istanbul zuvor gewesen, als dass die Reporter und das Fernsehpublikum dem Teamchef Glauben schenken konnten.

Die erste Halbzeit war die schlechteste unter der Führung des Trainer-Gespanns Klinsmann/Löw. In den ersten Minuten erspielten sich die Türken gegen eine indisponiert wirkende deutsche Hintermannschaft drei so genannte hundertprozentige Chancen. Kahn, der diesmal wieder zwischen den Pfosten stehen durfte, und die Latte verhinderten den frühzeitigen K.o. In der 25. Minute gab es dann für die Heimmannschaft Grund zum Jubel: Nachdem Mertin erneut das Aluminium anpeilte, staubte der im Ruhrgebiet geborene und aufgewachsene Halil Altintop das 1:0 ab.
Viel wurde den Zuschauern nicht geboten. Das Team von Trainer Terim verstand es, das Spiel und den Gegner zu beherrschen, ohne dabei attraktiven Fußball zu bieten. Deutschland war machtlos, agierte ohne Spielwitz und direktem Drang zum Tor. Nach der Partie kommentierte der Bundestrainer das Geschehen treffend: "In der ersten Halbzeit, das war gar nichts." Lediglich Lukas Podolksi sorgte durch zwei Schüsse auf das gegnerische Tor für Gefahr.

Ohne den verletzten Michael Ballack und Stürmerkollegen Klose spielt der selbst ernannte Titelaspirant für die WM 2006 auch in den zweiten 45 Minuten auf unterdurchschnittlichem Niveau. Durch die Hereinnahme des emsigen Neuville sowie Deislers für den schwachen Frings erkämpfte sich Deutschland immerhin mehr Spielanteile und löste sich aus der spielerischen Umklammerung der Türken. Chancen waren aber auf beiden Seiten der Mittellinie Mangelware und Spannung kam nie auf. Als die Zuschauer sich schon gedanklich auf den Heimweg machen wollten, passierte tatsächlich noch der Höhepunkt des Abends. Der 17-jährige Nuri Sahin erzielte als Debütant in der türkischen Nationalmannschaft drei Minuten nach seiner Einwechslung das hochverdiente 2:0. Auch dieser Torschütze, der als jüngster Bundesligaprofi aller Zeiten geführt wird, ist in Deutschland geboren. Erst in der Nachspielzeit korrigiert Oliver Neuville das Ergebnis der Nationalelf und trifft zum 2:1 Endstand. Paradox hierbei: Der in Mönchengladbach spielende Stürmer wiederum ist in der Schweiz geboren und spricht ausschließlich Französisch.

"Aus Fehlern lernt man" sagt der Volksmund. Das ist mitunter richtig und gilt auch für den Fußball. Wenn allerdings die Missstände so vielfältig und das Ziel so zeitnah sind, muss bezweifelt werden, ob dieser Sinnspruch auch für die Ambitionen der Nationalelf stimmig ist. Klinsmann hat nur noch sieben Testspiele, um eine Mannschaft zu bilden. Fast-Bundestrainer Christoph Daum erfasst den Ernst der Lage. "So habe ich größte Bedenken für die Weltmeisterschaft 2006. Das waren in der ersten Halbzeit nur Einzelspieler, das war keine Mannschaft. Die Spieler finden keine Bindung untereinander und zum Gegner." Der in Istanbul lebende Daum verschweigt dabei, dass in der Partie noch eklatantere Schwächen auszumachen waren. Ohne den Führungsspieler Ballack präsentierte sich das Team erschreckend ängstlich und lethargisch. Oliver Kahn im Tor muss, beim Anblick der Leistung seiner Vorderleute, schlecht geworden sein. Ungehört blieben seine Aufforderung zum Kampf und Konzentration. Der türkische Torschütze Halil Altintop gab nach der Partie an, die Deutschen mit ihren eigenen Waffen, nämlich Disziplin, Laufbereitschaft und Mannschaftsgeist, geschlagen zu haben.

Neben dem entmutigenden Spiel muss der DFB sich Gedanken um die Außenwirkung des deutschen Fußballs machen. Die Mannschaft hat deutlich sichtbar an Renommee verloren. Wie schon im letzten Auswärtsspiel der Nationalelf gegen die Slowakei fand die Partie vor einer Geisterkulisse statt. 80.000 Zuschauer fasst das Atatürk-Stadion, 25.000 wollten den Auftritt sehen. Das Interesse am ehemaligen Weltmeister Deutschland ist gering geworden. Dieses schlägt sich auch in der Spielweise der Gegner nieder. Respektlos und frech treten Teams,wie die Slowakei, Südafrika oder jetzt die Türkei gegen die Klinsmanntruppe auf. Auch wenn der Gegner vom Samstag WM-Dritter ist, so gehören die eben erwähnten Länder nicht gerade zur Elite des Fußballs. Zwar spiegelt die FIFA-Weltrangliste nicht unbedingt die Leistungsstärke der Nationen wieder, so ist es dennoch bedenklich, dass sich Teams wie Dänemark, Schweden, die USA oder eben die Türkei besser platzieren als die Bundesauswahl.

Deutschland kann sich glücklich schätzen, als Ausrichter der Weltmeisterschaft direkt teilnehmen zu dürfen. Mit den vergangenen, meist desolaten Auftritten wäre eine spielerische Qualifikation ernsthaft in Gefahr. Am Mittwoch, bei der Begegnung mit China, bekommt die Elf eine Reputationschance. Dringend muss jetzt mit einem Sieg das Image aufpoliert werden, damit die Begeisterung im eigenen Land nicht in Unmut und Zweifel umschlägt. Ein couragierter und erfolgreicher Auftritt kann der Nationalmannschaft zudem auch Spielpraxis und Sicherheit geben. Das Team muss sich von Partie zu Partie steigern, damit im Juni 2006 die Elf konkurrenzfähig und dem Ziel Klinsmanns, dem Titelgewinn, gewachsen ist. Um so eine Entwicklung hinzulegen, bedarf es eines enormen Kraftaktes. Aber warum nicht? Schröder hat es ja nach der Bundestagswahl im September ebenfalls geschafft, sich als Gewinner zu deklarieren.