Schon seit Tagen war klar, dass es so kommen könnte: Erste Tests hatten den Subtyp H5 bei den türkischen Puten diagnostiziert, zu H5N1 war es damit nur noch ein kleiner Analyseschritt. Und jetzt ist es heraus: Das böse Virus hat es geschafft und ist so gut wie auf dem europäischen Kontinent angekommen. Gestern hatte es noch Entwarnung gegeben, weil das Virus aus einer kranken Ente und einem infizierten Huhn in Rumänien angeblich nicht zum Typ H5 gehörte. Aber auch diese Nachricht erwies sich als falsch, auch Rumänien muss damit rechnen, dass der zweite Teil des Tests auf die Diagnose H5N1 hinausläuft. Wirklich wissen wird man das aber erst am Freitag, wenn das britische Testlabor die Endresultate der Analyse vorstellt.

Mit den endgültigen Ergebnissen war ursprünglich schon am Mittwoch gerechnet worden. Doch an der Grenze wurden Virusproben von türkischen Puten aufgehalten, die Resultate der britischen Laboruntersuchung lassen daher noch bis Freitag auf sich warten. In Deutschland bereitet man sich aber auch ohne Resultat auf den Fall der Fälle vor, das Verbraucherschutzministerium bat am Mittwoch zum Krisengespräch nach Bonn. Nachdem H5N1 nun tatsächlich die Türkei erreicht hat, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis Jürgen Trittin als kommissarischer Verbraucherminister die passende Eilverordnung zückt: Aus ihren Freilandhühnchen müssen Geflügelbauern dann fix wieder Käfigware machen - dass sich die Vögel ja nichts einfangen, da draußen.

Die Europäische Union hatte bereits am Montag mit sofortiger Wirkung entschieden, dass neben Geflügelfleisch auch kein lebendes Federvieh mehr aus der Türkei oder aus Rumänien in die Länder der EU eingeführt werden darf. Auch für die Federn der Tiere gilt Importverbot, um ein mögliches Übergreifen der Vogelgrippe auf ganz Europa zu verhindern. Rumänien hatte am 7. Oktober mitgeteilt, dass Laboranalysen im Blut von drei verendeten Hausenten Antikörper gegen ein Vogelgrippevirus festgestellt hätten. Am Samstag meldete auch die Türkei einen Ausbruch der Geflügelpest: Wie der türkische Landschaftsminister im amerikanischen Fernsehen berichtete, wurden Tausende Truthähne im Unfeld eines Bauernhofs an der türkischen Ägäis gekeult, nachdem ein Teil der Tiere erkrankt war.

Unklar blieb aber, ob es sich bei den Erregern um Vertreter des gefürchteten Typs H5N1 handelt, oder ob ein anderer Virenstamm die Erkrankungen ausgelöst hat. Erste Zwischenresultate aus den Labors sorgten für Verwirrung, nachdem Resultate erst verkündet und dann widerrufen wurden. Wahrscheinlich ist nun, dass es sich in beiden Fällen wirklich um die gefährliche Form der Vogelgrippe handelt.

Der gefürchtete Stamm H5N1 hat seit 2003 immer wieder verheerende Epidemien bei asiatischem Geflügel verursacht und ist in 116 bestätigten Fällen auch von infiziertem Federvieh auf den Menschen übergesprungen. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind bisher nicht bekannt, doch mehr als die Hälfte der Betroffenen Personen starben an der Infektion. Experten befürchten, dass sich das Virus unter Geflügelpopulationen anderer Kontinente ausbreitet und in absehbarer Zeit zu einem für den Menschen hochgefährlichen Pandemievirus mutiert, der die bisherige Infektionsbarriere zwischen Menschen mühelos überspringt. Eine wirksame Impfung gegen ein solches Supervirus gäbe es nicht.

Russland hatte bereits im August erste Fälle von H5N1-Infektionen gemeldet. Das Verbraucherministerium in Deutschland hält sich in einem möglichen Ernstfall aber für vorbereitet. "Wenn es erforderlich ist, können wir sehr schnell handeln", sagte Verbraucherstaatssekretär Alexander Müller bereits am Samstag in Berlin. Er warnte jedoch vor voreiligen Schritten. "Unsere Wissenschaftler sagen, das Krankheitsbild spricht nicht für das Vogelgrippevirus H5N1, weil viele Enten und wenige Hühner gestorben sind." Mit der Bestätigung aus der Türkei haben sich diese Zweifel aber als unberechtigt erwiesen.

Über die rumänische Ortschaft Ceamurlia de Jos im Donaudelta, in der drei infizierten Enten gefunden wurden, verhängten die Behörden gleich nach Bekanntwerden des Verdachts Quarantäne. Rigorose Massenschlachtungen führten zu Protesten in der Bevölkerung. Das Landwirtschaftsministeriums des Landes glaubt, dass infizierte Zugvögel aus dem Osten das Grippevirus ins Land gebracht hätten. Ähnliche Vermutungen stellt die zuständige Behörde der Türkei an und verweist auf ein dem betroffenen Bauernhof nahe liegendes Vogelreservat. Rumänien selbst hatte umgehend Geflügelimporte aus 15 Ländern verboten.

Der Europarat hatte bereits am 6. Oktober von seinen Mitgliedsländern eine enge Zusammenarbeit im Kampf gegen die tödliche Vogelgrippe gefordert. Die meisten Staaten seien nicht darauf vorbereitet, eine mögliche Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt immer wieder vor einer mögliche Mutation des Virus'. Die Vereinten Nationen hatten erst im August die Befürchtung geäußert, dass die Vogelgrippe durch Zugvögel nach Nahost, Europa, Asien und Nordafrika gelangen könnte.