Am Ende des Geburtsvorganges der zukünftigen Regierungskoalition erhitzen sich nun am Wochenende die Gemüter über das Ressort Familienpolitik. Ein Politikfeld, notorisch unterschätzt wie das dafür zuständige Ministerium, wird zum Spielball der Unionsparteien. Verliert die CDU die Familienpolitik an die CSU? Muss das die Republik jetzt auch noch interessieren? Vielleicht doch.

Denn Annette Schavan und Ursula von der Leyen, Mitglieder in Merkels Wahlkampfteam, lassen sich beide als gemäßigt modern in frauen- und familienpolitische Fragen einordnen und als offen genug für eine Einigung mit der SPD-Familienliga einschätzen. Vom Wahlprogramm der Union lässt sich das wiederum nicht sagen, dies wurde von beiden Frauen aber auch nicht verfasst, sondern von einer kleinen Männerrunde aus CDU und CSU. Fiele das Ministerium an die CSU, besteht die Gefahr, dass die gerade an Tempo zulegende Familienpolitik in Deutschland wieder verliert und weiterhin Schlusslicht im europäischen Vergleich bleibt, was die Familienfreundlichkeit, Betreuungsmöglichkeiten, Frauenerwerbsquote und Geburtenrate angeht.

Von der Leyen steigt freitags nach de Sitzung des CDU-Präsidiums demonstrativ strahlend in ihren Wagen - auch die niedersachsen- interne Konkurrenz (es gibt auc h noch den Regionalpoporz!) namens Friedbert Pflüger, der ins Kabinett auf den Verteidigungsministerposten strebt, scheint ausgeschaltet zu sein. Noch eine interne Machtprobe also für die werdende Kanzlerin, die nun ob des schlechten Wahlergebnisses gegen gewachsenen Widerwillen aus eigenen Reihen ankämpfen muss. Doch in ihrem engsten Umfeld wird beteuert: "Keine Sorge, wir werden kämpfen." Was soviel heißt wie: Stoiber hat schon verloren - wir setzen uns durch. Der solle froh sein, dass er überhaupt ein Ministerium bekommt - nach den Querschüssen im Wahlkampf: Das ist die Stimmung im Merkelkreis.

Im Grunde trägt "La Merkel" (wie die Italiener jetzt immer schreiben) jedoch Mitschuld an der Debatte um die CSU-Ressorts, weil sie nicht zufrieden mit der offenkundigen zweiten CSU-Nominierung namens Horst Seehofer ist. Der Gesundheitsexperte, wenn auch künftig Verbraucherschutzminister, säße gerne am Kabinettstisch und könnte Frau Merkel in der Gesundheitspolitik dazwischenfunken und Ulla Schmidt von der SPD beipflichten - dann wäre auch noch der letzte Rest von Merkels Reformschwung dahin. Hinzu kommt: Zwei so eigen- bis starrsinnige Köpfe wie Stoiber und Seehofer an einem Kabinettstisch plus acht sozialdemokratische Minister, das ist Merkel vermutlich etwas zuviel. Aber deswegen die Familienpolitik weggeben, ein Zukunftsthema, das wahlbeeinflussend wirkt - auch wenn Politiker das gerne vergessen?

Den Fehler hat die SPD womöglich schon gemacht. "Fehler", sagt jedenfalls Familienministerin Renate Schmidt dazu, deren Säuernis noch nicht ganz abgeklungen ist. In der SPD-Fraktion kocht ebenfalls die Wut darüber, die Zukunftsressorts Familie, Bildung und Forschung weggegeben zu haben. Man fragt nach und bekommt eine geballte Ladung Hass auf Münte zu hören. "Wenn man dem sagt, man müsse über Bildung und Kinderbetreuung reden, wenn man über ökonomische Chancen und Wohlstand reden will, versteht der das nicht". Diese Ressortthemen seien ihm völlig fern. Man versteht dann, weshalb Renate Schmidt Donnerstagabend in Berlin in einer Diskussionsrunde trotz aller Loyalität mit Parteifreunden ganz öffentlich kundtut, sie habe den "an den Koalitionsverhandlungen beteiligten Herren ordentlich die Meinung gesagt". Bemerkenswert, wie frei von Kritik die rot-grüne Regierungskrise, die in Neuwahlen mündete, an einem Hauptakteur bislang vorbeigegangenen ist.

Noch hat keiner gewagt, öffentlich am Parteivorsitz Münteferings zu sägen, intern hört man härteste Sätze von denen, die viel zu lange schon als Nachwuchs gelten und längst gestandene Politiker sind. "Der neigt dazu, sich Nachfolger zu suchen, die älter sind als er". Gemeint ist die Entscheidung, Peter Struck zum neuen, alten Fraktionschef zu küren. Müntefering habe überhaupt zunehmend Schwierigkeiten anzuerkennen, dass andere außer ihm etwas taugen. So erklärt man sich den Griff nach dem Amt des Vizekanzlers und Arbeitsministers und glaubt nicht, dass er dann noch genügend Zeit für die Partei hat, die einer inhaltlichen Erneuerung dringend bedarf. Müntefering versäume seit Jahren, jüngere Führungskräfte zu fördern. Es sei ja noch zu verschmerzen, dass im Kabinett niemand unter Vierzig sitzt, aber die Gefahr bestehe auch für Partei und Fraktion. Dass eine jüngere Frau mal zum Zuge kommt, im Gespräch ist Andrea Nahles für den Posten des Generalsekretärs, das wird selbst von Unterstützern dieser Personalie bezweifelt.

Als wahrscheinlicher gilt der SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel. Statt dessen gefällt sich Franz Müntefering vor den Journalisten der Bundespressekonferenz mit monumentalen Sätzen: "Wir müssen in der Lage sein, in Deutschland eine glaubwürdigere Gesamtpolitik zu machen." - "Das werden Jahre sein, wo sich viel bewegen wird, personell, aber auch inhaltlich". Der Anspruch der Politiker und die Wirklichkeit, die sie erzeugen, klaffen auch in der Woche Nummer vier nach der Bundestagswahl weit auseinander. Die Glaubwürdigkeit beider großer Lager ist angeschlagen. Merkel redet nun von einer "Koalition der neuen Möglichkeiten", nachdem sie die Wählerschaft Wochen lang mit dem Argument verunsicherte, eine Große Koalition bedeute Stillstand für das Land. Was soll man ihr jetzt glauben? Kein Wunder, dass sie erst auf Are-you-happy-now?-Nachfrage der Kollegen der Auslandspresse lächelte. Gelingt eine Mixtur der besten Personen und Inhalte aus beiden Parteien? Und: Können die beiden Kräfte künftig konstruktiv mehr Konsens für das Land herausholen als ein Lager allein - oder wird es einfach nur ein großes Experiment?

Man bleibt vorsichtig in Berlin. Warnfried Dettling, CDU-Intellektueller und einer der Vorausdenker in der Hauptstadt, sieht schon die neue große Chance der Grünen in den kommenden Jahren, sich als innovative Gegenkraft zu einer möglicherweise schwerfälligen Großen Koalition zu etablieren. Warum? "Es sind historisch keineswegs immer nur Regierungsparteien gewesen, die das Land voran gebracht haben."