Von Frank-Walter Steinmeier hat Gerhard Schröder vor Freunden gelegentlich gesagt, dieser Mann sei der Einzige unter den derzeit politischen agierenden Sozialdemokraten, dem er zutraue, den Job des Bundeskanzlers auf Anhieb erfolgreich auszufüllen. Er habe die Erfahrung, die Ruhe und das Augenmaß für den Job. Was dem 49 Jahre alten Verfassungsjuristen aus Detmold bisher freilich fehlt - Schröder war das natürlich klar -, sind die politische Hausmacht und öffentliches Charisma. Zwei Voraussetzungen, um an die Spitze zu kommen und die Führungsfähigkeiten überhaupt beweisen zu können. Jetzt, nachdem Schröder seinen Abgang angekündigt hat, steht Steinmeier mit einem mal, ohne das so angestrebt zu haben, vor dem großen Schritt Richtung Spitze: Der Kanzleramtschef, der eigentlich gern Technologie- und Forschungsminister geworden wäre, soll Außenminister werden. Er wird jenen Job übernehmen, der viel Publizität bringt, hohes Ansehen verleiht und die Chance bietet, öffentliche Sympathien zu gewinnen. Der Rest - die Hausmacht - kommt dann fast von allein. Dann wird alles möglich.

Aber ist Steinmeier für die neue Aufgabe gerüstet? Auf eine langjährige Erfahrung kann er nicht zurückblicken, nicht mehr und nicht weniger allerdings als seinerzeit die Außenminister Scheel, dann Genscher und Kinkel - oder später Joschka Fischer. Eines aber ist bei Steinmeier doch anders: Aufgrund seiner Rolle im Kanzleramt war er mit den großen Fragen der Außenpolitik - und deren innenpolitischer Bedeutung - ständig befasst, beginnend mit dem Kosovo, dem internationalen Terrorismus, Afghanistan, über den Irak, den Ärger mit Amerika, bis zu den komplizierten Debatten in und um Europa.

Steinmeier, bei aller sattsam gerühmten Vielseitigkeit, hat allerdings keine prophetische Gabe: Drei Tage nach der Bundestagswahl vertrat er den Bundeskanzlers bei der Verabschiedung des Direktors der Stiftung Wissenschaft und Politik, Christoph Bertram und hielt aus diesem Anlass eine Rede über aktuelle Fragen der internationalen Politik. Er ahnte noch nicht, wie sehr dieses Thema ihn bald schon beschäftigen würde (einen erfolgreichen Abschluss der Koalitionsverhandlungen vorausgesetzt). Scherzhaft eröffnete er die Rede mit den Worten: "Es ist immer unangenehm für den Redner, den Zuhörern eine Enttäuschung zu bereiten. Also, wie Sie unschwer feststellen können, bin ich nicht der Bundeskanzler. Alle, die nur seinetwegen gekommen sind, dürfen jetzt noch den Saal verlassen."

Dann fügte er hinzu: "Sie dürfen also etwas enttäuscht sein! Ich hingegen bin überhaupt nicht traurig, dass mir die Versuche anderer, Konstellationen und Koalitionen für eine künftige Regierung auszuloten, die Möglichkeit verschaffen, selbst ein paar öffentliche Anmerkungen zum Abschied von Christoph Bertram aus dem Amt zu machen." Die Betonung stammt aus Steinmeiers Originalmanuskript: Er wollte klar machen, dass dies seine eigene Rede war, eine nachdenkliche Bilanz von sieben Jahren rot-grüner Außenpolitik, die unversehens einen Einblick in das Denken des mutmaßlichen neuen Außenministers bietet - und somit zum Dokument wurde.

Die vollständige Rede von Frank-Walter Steinmeier können sie hier auf ZEIT online lesen