Was ist da oben los? Jahrzehntelang war Norwegen nur ein leerer, dunkler, länglicher Fleck auf der Landkarte des Pop gewesen. Gewiss, es gab in den Achtzigern mal ein kurzes a-ha -Erlebnis. Aber das war’s auch schon. Bis 1997 plötzlich das Eis brach, als der Trompeter Nils Petter Molvær aus Oslo die CD Khmer veröffentlichte. Sie klang irgendwie so, als sei Miles Davis von den Toten wiederauferstanden und treibe sich nun in den House- und Breakbeats-Clubs des jungen Trainingsjacken-Volks herum.

Hunderttausendfach verkaufte sich das Album in den Ländern zwischen Bergen und Bergamo. Seitdem erinnern die besseren deutschen Plattenläden an die Bibliotheksräume eines Skandinavistik-Seminars, mit all den seltsamen Namen, die da in den Regalen zu lesen sind: Eivind Aarset, Sidsel Endresen, Silje Nergaard, Röyksopp, Bugge Wesseltoft.

Was ist da oben nur los? Nils Petter Molvær hört sich die Aufzählung der Kollegennamen freundlich lächelnd an. "Trend", sagt er und schaut zu, wie sich der Rauch seiner Zigarette gleichmäßig in dem sterilen Berliner Konferenzzimmer verteilt, den sein internationaler Plattenvertriebspartner fürs Gespräch zur Verfügung gestellt hat. "Die Leute sind gierig nach neuen Trends. In den vergangenen Jahren war es eben Norwegen. Das ist schön."

Molvær (für Nicht-Skandinavisten: spricht sich "Mollwerr" aus, mit Betonung auf der ersten Silbe) macht wahrhaftig kein großes Gewese. Man mag ihn in den Feuilletons einen "Metaphysiker der Jazzmoderne" genannt haben – er sieht sich eher als Heimwerker. Morgens, wenn die Kinder aus dem Haus seien, begebe er sich in sein Studio, das er sich im Kellerraum unter der Garage eines befreundeten Nachbarn eingerichtet habe. Dort schalte er den Computer an. Und bastele an seinen Ideen. Skelette aus Loops, verzerrten Trompetenkürzeln, Zischlauten und Samples kämen dabei heraus. Für das Fleisch an den Knochen sorgten dann die Freunde: begnadete Störgeräusch- oder Kawumm-Beat-Programmierer wie Pål "Strangefruit" Nyhus oder der Gitarren-Manipulator Eivind Aarset.

Die Platten, die seit Khmer bei diesem Produktionsprozess entstanden sind, lassen den Hörer im Unklaren, ob man da gerade ein echtes Instrument hört oder ein elektronisches Sound-Artefakt. Nur die Trompete ist unverkennbar – das gilt auch für Molværs neue CD ER ( Emarcy/Universal Jazz ).

Das Horn ist da der Hauptdarsteller in einem Elektrojazz-Hörfilm, der von Kapitel zu Kapitel das Genre zu wechseln scheint. Mal hat man ein Beziehungsdrama von Ingmar Bergmann vor Ohren, wenn Sidsel Endresen melancholisch vom Krieg der Geschlechter singt. Mal wähnt man sich in einem avantgardistischen Bollywood-Schinken mit wahnsinnig gewordenen Tabla-Spielern. Mal drängen sich Bilder einer rasant geschnittenen Techno-Dokumentation auf.

"Mir geht es um Kontraste", sagt Molvær. Und das könnte durchaus mit Norwegen zu tun haben. Möglicherweise liegt‘s an den heftigen Wetterumschwüngen auf der dünn besiedelten Insel Sula im Nordwesten, auf der sich Regen, Hagel und Sonnenschein manchmal im Minutentakt abwechseln. Auf Sula wurde Molvær vor 45 Jahren als Sohn eines Musikers geboren.

Kein schöner Ort für eine Kindheit, wie er findet: "Rechts ein Berg, links einer, dazwischen ein Fjord, das Meer, irgendwo muss England sein. Ich sah die Schiffe und wünschte mich an Bord. Ich wollte weg. Das war meine Sehnsucht. Wenn ich in der Bronx aufgewachsen wäre oder in Neukölln, hätte es wohl andere Sehnsüchte gegeben."