Dem Regenwald im Amazonasbecken, der sich über einen großen Teil Brasiliens sowie sieben anderer Länder Lateinamerikas erstreckt, gehen riesige Flächen durch Brandrodung verloren. Doch bisher nahm man an, dass wenigstens der so genannte "selektive Holzeinschlag" den Wald kaum beeinträchtige. Darunter wird das gezielte Fällen lediglich solcher Bäume verstanden, deren Verarbeitung Gewinn verspricht; der Rest bleibt stehen. Die Vorstellung, dass sich die geschlagenen Wunden bald wieder schlössen, ist indessen leider falsch, wie eine soeben in Science veröffentlichte Analyse zeigt.

Das überrascht zunächst. Wer über Amazonien fliegt, sieht sattes Grün, soweit das Auge reicht. Hin und wieder Gegenden, in denen der eine oder andere hellbraune Fleck das Bild auflockert: Das sind dann Goldminen (illegale zumeist) oder vielleicht vereinzelt liegende Holzfällercamps. Doch alles in allem legt der endlos ausgedehnte, dicht geknüpfte Baumteppich den Gedanken nahe, dass hier die Welt noch in Ordnung sei. Eine Fläche so groß wie die Vereinigten Staaten!

Freilich weiß man, dass in dieser Idylle Jahr für Jahr eine Waldfläche von der Größe Schleswig-Holsteins (rund 15.000 Quadratkilometer) der Brandrodung zum Opfer fällt, um Viehweiden und Straßen Platz zu machen. Nun kommen alarmierende Erkenntnisse hinzu, die das Wissenschaftsjournal Science in seiner Ausgabe vom 21. Oktober veröffentlicht.

Mehrere amerikanische Institute haben sich gemeinsam an die Auswertung von Messdaten der drei Erdbeobachtungssatelliten Landsat 7, Terra und Earth Observing 1 gemacht. Sie wollten herausfinden, welches Ausmaß der selektive Holzeinschlag hat, der sich auf ein, zwei marktgängige Baumarten beschränkt. Während bisherige Bildbearbeitungsmethoden jeden analysierten Bildpunkt entweder als "Wald" oder "abgeholzt" bewerteten, erlaubt eine neue Software zur Mustererkennung genaue Prozentangaben. Sie verrechnet nämlich für jeden Bildpunkt Signale unterschiedlicher Wellenlängen, die jeweils eigene Informationen enthalten. Zugrunde liegt eine beeindruckend hohe Auflösung von ein bis zwei Bäumen pro Bildpunkt. Die Verarbeitung der enormen Datenmassen übernahm ein Supercomputer, und die Forscher verzichteten auch nicht auf die Nagelprobe jeder Fernerkundung, nämlich Stichproben am Boden ("ground truth"). Ihr Resultat: Die Abholzung schreitet etwa doppelt so schnell voran wie bisher angenommen.

Das hat Konsequenzen. Etwa die Freisetzung von mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre. Nach Angaben der Forscher belastet der selektive Holzeinschlag auch das lokale Ökosystem, denn wer einen großen Baum im Regenwald fällt, vernichtet zugleich etliche, miteinander verwickelte und sich um diesen Baum gruppierende Lebensräume. Ein plausibles Argument, vergegenwärtigt man sich die im Urwald vielfältig vernetzten Kooperationen und Konkurrenzen von Pflanzen und Tieren. Zwar fällt dort auch ohne menschliches Zutun pausenlos Biomasse zu Boden und reißt anderes Leben mit sich, und ebenso schnell baut sie sich wieder auf, aber die Satellitendaten deuten darauf hin, dass der Holzeinschlag von der Regenerationsfähigkeit der Natur nicht mehr aufgefangen wird.

Es kommt hinzu, dass der selektive Holzeinschlag oft nur den Anfang einer Landnutzung darstellt, an deren Ende die Brandrodung steht. Erst kommen einzelne Holzfäller, die schon mal Wege für ihre Traktoren anlegen. Sie fangen an, provisorische Unterkünfte zu bauen, es entstehen Versorgungswege, und allmählich wird daraus eine Ansiedlung. Schließlich fällt der Urwald dem Feuer zum Opfer.

Der Regenwald Amazoniens ist ein einzigartiger, reichhaltiger Lebensraum. Er ist ökologisch nützlich, etwa als Klimaregulator, aber auch unabhängig davon als Naturschauspiel schützenswert. Dabei ist es sogar möglich, ihn ökonomisch zu nutzen, nicht nur für den Tourismus, sondern sehr wohl auch für die Holzproduktion. Das ist jedoch nur dann unbedenklich, wenn auf den bewirtschafteten Waldflächen die Diversität von Flora und Fauna erhalten wird und der Einschlag sich nicht ausschließlich danach richtet, mit welchem Baum wieviel Geld zu machen ist. Es gibt einige Unternehmen, die auf diese Weise Tropenholz gewinnen, doch nicht jedes Holz, das ein Umweltzertifikat trägt, wurde ökologisch sauber gewonnen. Die jüngsten Erkenntnisse über das Ausmaß des selektiven Holzeinschlags sind ein Anlass für Regierungen und Umweltschützer, in der Kontrolle der Tropenholzwirtschaft nicht nachzulassen. Und auch die Verbraucher  sollten sich über die Entstehung all der schönen Holzprodukte  informieren, die aus der Heimat der Jaguare und Koatis, Brüllaffen und Boas, Papageien und Tucans stammen.