So sehr sich die Experten, Behörden und Regierungsvertreter auch bemühen, die Menschen in ihrer Angst vor der Vogelgrippe zu beruhigen: Die Nervosität steigt weiter. Nach den vielen echten und mutmaßlichen Erkrankungen von Wildvögeln und Mastgeflügel häufen sich nun auch bei den Menschen die Verdachtsfälle auf H5N1. Ein chinesische Zeitung berichtete am Donnerstagmorgen, ein Mädchen in der von der Vogelgrippe betroffenen Provinz Xiangtan in China habe sich über den Verzehr von gekochtem Hühnerfleisch angesteckt.

Das gilt eigentlich als unmöglich, denn Grippeviren werden bei 70 Grad Celsius zerstört. Die kleine Chinesin ist mittlerweile aber tot. Ihre Eltern hatten ein verendetes, mutmaßlich infiziertes Huhn aufgelesen und sich daraus eine Mahlzeit gekocht. Die Tochter entwickelte grippeähnliche Symptome und starb, der elfjährige Bruder wurde ebenfalls krank. Hat das Virus sich also schon verändert? Sind die Menschen doch nicht sicher vor der Vogelseuche?

Die Antwort konnte man am Nachmittag wiederum in der South China Morning Post finden, jener Zeitung, die das Gerücht zuvor in die Welt gesetzt hatte: Bei dem toten Mädchen konnte ein herbeigeeiltes Expertenteam kein H5N1 finden, das Kind hatte also keine Vogelgrippe - und Hinweise auf die tatsächliche Todesursache des verzehrten Hühnchens gibt es ebenfalls nicht. Auch die drei Franzosen von der Insel La Réunion, die nach ihrem Besuch in einem thailändischen Vogelpark angeblich positiv auf das gefürchtete Virus H5N1 getestet worden waren, sind nicht an der Geflügelseuche erkrankt. Das Institut Pasteur in Paris gab Entwarnung, nachdem es eingeschickte Proben der drei Männer noch einmal genau untersucht hatte.

Im Angesicht der wachsenden Panik vor einem Übergriff der Seuche auf den Menschen haben am Donnerstag auch deutsche Experten gefordert, die Bevölkerung besser über die Vogelgrippe aufzuklären. Der Leiter des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Prof. Adolf Windorfer, warnte: "So dramatisch dieses Virus für die Wirtschaft auch ist: Es handelt sich um eine Tierseuche, die nur in ganz seltenen Fällen auf Menschen übergeht". Rund 150 Experten diskutierten auf einer Fachtagung in Hannover über die Gefahren der Vogelgrippe.

Falls die Vogelgrippe nach Deutschland eingeschleppt werden sollte, seien am ehesten Mitarbeiter von Geflügelbetrieben gefährdet, die in direktem Kontakt mit Vögeln stehen. Sie sollten zum Kreis der Risikogruppe gezählt werden, für die eine gewöhnliche Grippeimpfung ratsam ist, sagte Udo Buchholz vom Robert Koch-Institut in Berlin. Wichtig sei überdies, dass sie mit Schutzkleidung arbeiteten und ihre Hände desinfizierten. Diese Maßnahmen sind vernünftig, dienen allerdings nicht dem Schutz der Menschen selbst, sondern sie sollen eine Vermischung gewöhnlicher Influenzaviren mit dem aggressiven Vogelgrippevirus H5N1 verhindern. Ein solcher Mischerreger, oder aber ein mutiertes Vogelgrippevirus, könnte so ansteckend wie die menschliche Grippe und so tödlich wie die Geflügelpest sein, fürchten Experten. Doch das tun sie schon seit Jahren. Die Gefahr - Fachleute werden nicht müde, es zu betonen - hat sich für die Menschen in Europa nicht geändert. Und Hühnerfleisch wird auch in China noch immer gar gegessen. Ohne Viren.