Als der Vorsitzende der Linkspartei, Lothar Bisky, am Dienstagabend vor die Kameras trat, wirkte er ernst und mitgenommen. Keine Frage: Lothar Bisky ist kein Mann, der so viel Ablehnung seiner Person unberührt an sich abprallen lässt. "Ich habe verstanden, dass die Mehrheit des Bundestages mich nicht als stellvertretenden Bundestagspräsidenten haben will", sagte Bisky. Schon am Nachmittag hatte man ihm die Anspannung angemerkt. Unsicher stolpernd hatte er den Plenarsaal betreten und sich dann in die vierte Reihe zurückgezogen, statt wie bei der letzten Sitzung auf dem einsamen Stuhl ganz vorne Platz zu nehmen. Dann kam die Abfuhr: Mit 310 Nein-Stimmen hatten diesmal 52 Abgeordnete mehr gegen Bisky gestimmt als beim letzten Versuch vor drei Wochen.

Eigentlich sollte es für den erfahrenen Kämpfer ein Leichtes sein, diese Niederlage wegzustecken. Sieht er in ihr doch ausschließlich ein Ränkespiel des politischen Gegners. Und doch brauchte er lange Pausen, als er schließlich vor den Mikrofonen stand, um seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur zu begründen. Als "Einknicken" will er das jedenfalls nicht verstanden haben. "Ich stehe zu meiner Biographie", sagte er und bedauerte, dass sein Angebot, mit den anderen Parteien die kritischen Fragen zu diskutieren, nicht angenommen worden sei. Aber in Deutschland würden die Antworten eben oft gegeben, bevor die Fragen gestellt worden seien, so Bisky.

Auch die Fraktionsspitze aus Oskar Lafontaine und Gregor Gysi hat offenbar verstanden, und zwar, dass sie keine Chance hat, Bisky als Kandidaten für das Amt des Vizebundestagspräsidenten durchzubringen. Zwar habe er kurzzeitig auch überlegt, selbst als Gegenkandidat aufzutreten, um Bisky so zu einer einfachen Mehrheit zu verhelfen, sagte Gysi. Doch dann habe man sich entschieden, auf diese taktischen Spielchen zu verzichten. Stattdessen werde man nun gar keinen Kandidaten mehr nominieren. Zumindest auf "unbefristete Zeit". Eine kluge Entscheidung. Behauptet die Linkspartei dadurch doch ihre Autonomie gegenüber den anderen Fraktionen. "Wir lassen uns nicht vorschreiben, wen wir aufstellen", war denn auch einer der meistverwendeten Sätze in den Reihen der Linkspartei. Zugleich kann man trotzig immer wieder darauf verweisen, man sei von den anderen in der ehrverletzendsten Weise behandelt worden. Gerade im Osten könnte sich dies als stimmbringend erweisen.

In der Fraktion habe es keinen Widerstand gegen den Verzicht auf das Amt gegeben, sagte der frühere baden-württembergische SPD-Politiker Ulrich Maurer. Die Entscheidung sei einstimmig gefallen. Machtpolitisch gesehen ist der Verlust ohnehin gering, hat der Vizebundestagspräsident doch eher eine repräsentative Funktion.

Mit der Ablehnung von Bisky würden Millionen Ostdeutsche ausgegrenzt, die wie Bisky die DDR zumindest teilweise bejaht hätten, sagte Gysi. Sicher ist, wollte man mit Bisky einen Vertreter des SED-Regimes abstrafen, dann hat es den Falschen getroffen. Denn Bisky stand der DDR sowohl loyal als auch kritisch gegenüber. Bestimmt war er weder der typische Betonkopf noch der gewissenlose Stasi-Zuträger. Gerade im Osten trifft Bisky auf viel Zustimmung. Sowohl die Brandenburger SPD-Fraktion als auch die CDU-Fraktion im dortigen Landtag hatten sich beispielsweise für seine Wahl ausgesprochen.