Der November ist da, das Jahr steht kurz vor dem Endspurt und es schwillt allmählich die gemurmelte Selbstbefragung der Musikfreunde an: Was hat uns 2005 denn an Schönem gebracht? An dieser Stelle soll das noch nicht erschöpfend beantwortet werden, aber ein Name sei aus ziemlich aktuellem Anlass schon genannt: Sufjan Stevens.

Der amerikanische - nennen wir ihn mal grob und unzutreffend - Folksänger ist im Oktober zu drei Konzerten nach Deutschland gekommen. Das Publikum in Berlin, Hamburg und Schorndorf erlebte einen Musiker, dessen jüngste Platten ganz offenbar nicht zuviel versprochen hatten. In Amerika wird er seit einiger Zeit als der aufgehende Stern der Neofolkszene gefeiert - und gefeiert wurde er nun auch hier. In Hamburg verlangte die Menge im nicht ganz ausverkauften Knust schon nach Zugaben, als der Auftritt noch gar nicht beendet war. Sowas erlebt man hier selten.

Der Star war mit Sternen übersät: Als er mit seiner sechsköpfigen Band auf die Bühne stürmte, konnte sein Outfit amerikanischer nicht sein. Als habe sich die Flagge supermandress-artig um seinen feingliedrigen Leib gewickelt. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen; ihm machte die Sache sichtlich Spaß und sofort geriet der Saal in seinen Bann: Der Mann hat Ausstrahlung.

Die glorreichen Sieben schoben nach Landessitte kleine Cheerleader-Einlagen zwischen ihre Stücke, durchaus apatriotisch, ein Hauch von Zappa wehte durch den Raum. Die beiden Frauen der Band hatten Puschel an den Armen, die sie ausgiebig schwenkten. Und dann wurden, Buchstabe für Buchstabe, kleine Sprechchöre skandiert: "I L L I N O I S" zum Beispiel, denn Stevens betreibt ja eine Art klingende Landeskunde . Für jeden Bundesstaat eine Platte, zwei gibt es schon, 48 stehen noch aus.

Auf Come On Feel The Illinoise wechseln sich sanfte, ergreifende Balladen zu teils persönlichen, teils sozialkritischen Themen mit hymnenartigen Passagen ab. Wirken die Letzteren auf der Platte manchmal etwas unmotiviert, gerieten sie live zu mitreißenden Ausbrüchen.

Sufjan Stevens spielt mehrere Instrumente, auch seine Mitstreiter wechselten des Öfteren ihre Plätze auf der Bühne. Selbst Vertracktes gelang ihnen mit Bravour, so die Mischung aus Solotrompete und Gesang, überhaupt der Gesang: bis zu sechsstimmig fällt er aus! Zur Mitte hin wurde das Konzert sehr intim, still, ja, melancholisch, Stevens spielte fast allein, und wer vorne stand, konnte den Eindruck gewinnen, er wische sich gelegentlich Tränen aus den Augenwinkeln. Er war nicht weniger ergriffen von seiner Musik als sein Publikum; auch so etwas erlebt man nicht sehr oft.