Man hat den Eindruck, dass sich das Ideal von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" gerade in Nichts auflöst.

Die Debatte um das Scheitern der Integration ist die falsche Debatte. Es ist immer dasselbe mit den Vorstädten, stets werden die falschen Debatten geführt. Die Frage, die man jedem Menschen auf der Straße stellen sollte, ist doch: Wäre er einverstanden damit, dass eine Familie aus der Vorstadt in sein Gebäude zieht? Wenn Sie nämlich so fragen, sagt jeder Nein. Das ist die Wahrheit. Wenn also alle die Maske des sozialen Miteinanders abnehmen und wir vom Verhalten jedes Einzelnen sprechen, sieht man, dass alle mit der Situation zufrieden sind und niemand sich je beschwert hat. Und die Vorstädte haben verstanden. Sie haben verstanden, dass die Gesellschaft sich nicht für sie interessiert. Es werden immer dieselben Platten abgespielt: Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, man müsste dies, man müsste das... Aber gab es jemals eine Maßnahme, die denen vermittelte: Ihr seid auch unsere Kinder, wir werden euch helfen, da raus zu kommen? Hat ihnen jemand je dieses Gefühl vermittelt? Nein, nie. Aber es gab ausgestreckte Hände, es gab auch zahllose politische Möglichkeiten zu handeln.

Befindet sich das französische Modell in einer Krise?

Wir befinden uns in einer Krise der Politik. Das Problem der jetzigen politischen Klasse ist, dass sie im Gestern verhaftet ist und die tiefgreifenden Umwälzungen nicht versteht, die die Gesellschaft gerade durchläuft. Was die Krise noch verschlimmert, ist, dass das Ansteigen von Armut und die Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen in eine Zeit der Globalisierung und der technologischen Revolution fällt, in der sich die Entwicklung zu beschleunigen scheint. Die Jugendlichen in den Vorstädten befällt das Gefühl, diese Entwicklung zu verpassen, auf den Zukunftszug nicht mehr aufspringen zu können. Also sagen sie sich, dann können wir auch gleich alles zerstören.

Was ließe sich tun, das zu ändern?

Die Lösung kann nur die räumliche Durchmischung der Bevölkerungsgruppen sein. Die Ghettoisierung muss aufhören, und die alten Ghettos müssen abgerissen werden. Man muss sich aber klar darüber sein, dass dies enorme Summen verschlingen würde.

Die räumliche Durchmischung der Bevölkerung kann doch nicht angeordnet werden. Die Leute wollen das nicht.

Aber natürlich kann das angeordnet werden. Indem der Staat das Ganze in die Hand nimmt. Politik heißt doch nicht, immer das zu wollen, was die Bevölkerung will. Glücklicherweise nicht. Außerdem wird die Durchmischung der Wohngebiete nicht angeordnet, sondern organisiert. Wenn der Staat wirklich die Verteilung sozialen Wohnraumes in die Hand nähme, würde alles anders ablaufen. Um nichts anderes geht es im französischen Modell. Schließlich war eines der wichtigsten Elemente bei der Schaffung einer republikanischen Identität in Frankreich die organisation du territoire . Der Ort der Geburt oder der, an dem man lebt, formt die Identität. Die Bildung von Ghettos zu verhindern ist eine der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, der sich Frankreich und die restlichen europäischen Länder stellen müssen.

Ist es eine nationalstaatliche oder kommunale Aufgabe?