Paris Wieder keinen „Großen“ geschlagen, zum wiederholten Male kein Tor erzielt – und gegen Ende der Partie noch knapp einer Niederlage entgangen: In ihrem letzten Spiel in diesem Jahr hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gezeigt, dass sie reif ist für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Wie das? Vor 60.000 Zuschauern im Stade de France in Paris St. Denis präsentierten sich die Schützlinge von Bundestrainer Jürgen Klinsmann so abgeklärt und konzentriert, dass man schon fast geneigt war, in die Erinnerungskiste zu greifen und zurückzudenken an die Zeiten vor der Proklamation des „Sturm und Drang“, als ein schütteres 1:0 noch mehr zählte als ein turbulentes 4:3. Und selbst Jürgen Klinsmann, ansonsten bei der öffentlichen Beurteilung seiner Mannschaft stets eine Oktave höher eingestimmt als die Beobachter auf der Tribüne, untertrieb diesmal, als er nach dem Spiel bemerkte, dass dieses Spiel für seine Mannschaft wieder eine „riesige Erfahrung“ gebracht habe.

Doch in der Tat machte das Team mitsamt seinem Trainer an diesem Abend einige bemerkenswerte Erfahrungen. Es begann schon in Minute drei, als sich Michael Ballack am Oberschenkel verletzte und trotz mehrfacher Behandlung an der Außenlinie keine Anstalten machte, sich auswechseln zu lassen. Was müssen Uli Hoeneß und Felix Magath daheim vor dem Fernseher gelitten haben: Ihr offensichtlich angeschlagener Superstar – in der Nationalmannschaft in einem Freundschaftsspiel verheizt. Hätte sich Klinsmann je für die Querschüsse aus München rächen wollen, hier hätte man Böses vermuten können. Doch es war Ballack selbst, der entschied, weiterzumachen, wie er selbst und Klinsmann später betonten: „In der Halbzeitpause sah es gar nicht gut aus, aber der Physiotherapeut hat es dann wieder gut hinbekommen“, sagte Ballack nach dem Ende eines Matches, das für ihn schlussendlich 90 Minuten gedauert hatte. (Eben diese Zeit hatte sich übrigens der bemitleidenswerte Fabian Ernst warmlaufen und bereithalten müssen, für den Fall, dass der Kapitän das Zeichen zum Wechsel gegeben hätte).

Zurück zum Spiel. Die Franzosen, ganz offensichtlich geschwächt vom Zeitzonen-Hopping des vergangenen Mittwochs, als das Team um Thierry Henry und David Trezeguet auf Martinique gegen Costa Rica angetreten war, die Equipe Tricolore also fand über die gesamte Distanz kein Mittel gegen die deutsche Defensiv-Taktik. Statt mit zügigen Kombinationen versuchte die Truppe von Nationalcoach Raymond Domenech immer wieder, mit hohen Flanken für Gefahr zu sorgen. Vergebens, denn endlich einmal wurde Klinsmanns vermeintliche Leerformel mit Inhalt gefüllt, jene Binsenweisheit, dass das Toreverhindern bereits im Mittelfeld beginnt.

Entsprechend hatten Klinsmann und Löw das Team aufgestellt: Ballack und Frings wurden darob auf einer Linie direkt vor der Viererkette positioniert und auch Lukas Podolski fand sich als hängende Spitze häufig in der eigenen Hälfte. Lautstart dirigiert von einem fehlerfreien Torhüter Jens Lehmann rochierte der Abwehrverband (engagiert, gelegentlich übermotiviert: Arne Friedrich. Solide, auch in der Vorwärtsbewegung: Marcel Jansen) mit ungeheurem Laufaufwand vor und zurück. Dabei attackierten (fast) immer zwei Mann den ballführenden Gegner. Und wenn – was selten zu beobachten war – die Franzosen ihr gefürchtetes Kurzpassspiel aufzogen, fuhr die Innenverteidigung mit Huth und Mertesacker humorlos dazwischen.

Dabei erläuterte Lehmann übrigens eindrucksvoll auf dem Platz, was er an den Tagen zuvor in einigen Interviews für viele undiplomatisch vorgetragen hatte: Warum nämlich er als ein (mit)spielender Keeper für diese Abwehr der geeignetere Partner sei. Ein ums andere mal erlief Kahns „Herausforderer“ (Klinsmann) steile Pässe der Franzosen an der Strafraumgrenze. Sein Home-Trainer Arsene Wenger von Arsenal London, der als Co-Kommentator eines französischen Fernsehsenders im Stadion war, wird es mit Freude zu Kenntnis genommen haben. So war Lehmann einer der Gewinner dieses Abends, was sich auch daran zeigte, dass der ansonsten nicht eben für seine Auskunftsfreude nach dem Spiel bekannte Schlussmann frisch geduscht und ganz nüchtern in ausschweifenden Worten „die beste Abwehrleistung seit Jahren“ diagnostizierte, lediglich kurz unterbrochen vom Anruf seiner Frau auf dem Handy.

Der zweite Gewinner hieß zweifellos Michael Ballack. Auch hier füllte sich eine weitere Klinsmannsche Formel aufs schönste mit Leben: „Ballack“, so erklärte der Bundestrainer auch nach diesem Spiel, sei „eben unser Leader“. Was zeichnet einen Leader bitte aus, wenn nicht der Umstand, dass er mit gezerrtem Oberschenkel nicht nur über die volle Distanz geht, sondern dabei auch noch das Spiel seiner Mannschaft antreibt und mit einem nachgerade Zidaneskem Zuspiel Mitte der zweiten Hälfte seinen Kollegen Schweinsteiger in eine derart aussichtsreiche Position bringt, dass um ein Haar sogar das Führungstor gefallen wäre. Und als sei dies nicht genug, bewies der deutsche Kapitän auch nach dem Spiel Haltung: Von Journalisten nach seinem malträtierten Körper befragt, wies er ungerührt darauf hin, dass die Verletzung „ohne Einwirkung des Gegners“ zustande kam und er im Übrigen, trotz großem Engagement auf beiden Seiten, keine überharten Szenen in Erinnerung hatte.