Zwei Monate nach der Bundestagswahl hat Angela Merkel den Eid als neue Bundeskanzlerin geleistet. Mit dem von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder weggelassenen Zusatz "So wahr mir Gott helfe" bekräftigte die CDU-Vorsitzende ihre Absicht, die neue Regierung zu führen. Zuvor hatte der Bundestag Merkel mit den Stimmen von CDU, CSU und SPD zur Kanzlerin gewählt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik übernimmt eine Frau dieses Amt. Als erster hatte Schröder Merkel nach der Wahl gratuliert. Ihre Wahl sei "ein starkes Signal für viele Frauen, und für manche Männer sicherlich auch", hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert gesagt, nachdem er das Wahlergebnis verkündet hatte. Angela Merkel nimmt nach ihrer Wahl Glückwünsche entgegen© ZEIT online

397 Abgeordnete stimmten für Merkel, 202 votierten gegen sie, 12 Mandatsträger enthielten sich, eine Stimme war ungültig. Merkel musste wenigstens 308 von 614 Stimmen erreichen. CDU, CSU und SPD verfügen zusammen über 448 Mandate. Obwohl nicht alle Abgeordnete der Koalitionsfraktionen für Merkel votierten - 51 verweigerten ihr die Zustimmung -, erreichte sie dennoch die meisten Stimmen, mit denen jemals ein Kanzler gewählt wurde. Die Bestmarke lag bislang bei 378 Stimmen. Mit dieser Wahl kann nun die Große Koalition aus Unionsparteien und SPD ihre Arbeit aufnehmen. CDU, CSU und SPD hatten sich in der vergangenen Woche auf eine Zusammenarbeit geeinigt.

Friedbert Pflüger, außenpolitischer Sprecher der CDU, sagte, er sei sehr zufrieden mit dem Wahlergebnis, das ein großes Stück innerer Einheit sei. 400 Stimmen wären ein Traumergebnis gewesen, aber mit den wenigen Stimmen darunter könne man gut leben. Die Gegenstimmen kämen wohl ausschließlich aus der SPD. Aber natürlich sei es verständlich, dass es den Sozialdemokraten nicht leicht gefallen sei, Merkel zu wählen. Maria Böhmer, zukünftig Staatsministerin für Integration im Kanzleramt, sagte, Merkel werde neue Standards für Frauen setzen. Horst Seehofer (CSU), zukünftig Landwirtschaftsminister, sagte, er freue sich darauf, eine Frau als Chefin zu haben; aber vermutlich werde es nicht anders werden als bei einem Mann. Er habe Merkel mit den Worten gratuliert: "Ohne Worte." Daraufhin habe die Kanzlerin ihn gefragt, "wie es denn mit den Bauern laufe". Angesprochen auf sein gespanntes Verhältnis zu Merkel sagte Seehofer, er habe immer gesagt: "Wer sie unterschätzt, hat schon verloren."

SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach hatte im Gegensatz zu seinen Kollegen von der Union mit einem besseren Wahlergebnis für Merkel gerechnet, "sicher mit mehr als 400 Stimmen". Deshalb sei er überzeugt, dass Unionsabgeordnete gegen Merkel gestimmt haben, sagte Lauterbach nach der Abstimmung. Schon vor der Wahl habe es Signale aus der Unionsfraktion in dieser Richtung gegeben. Einige Abgeordnete hätten Merkel wohl von vorneherein ihre Grenzen aufzeigen wollen. Lauterbach nannte es aber "schwer verständlich", wenn Abgeordnete erst dem Koalitionsvertrag zustimmen und später der Kanzlerin die Stimmen zu verweigern.

Wie erwartet wählten einige sozialdemokratische Abgeordnete Merkel nicht. Allerdings fiel ihre Zahl kleiner aus als vorab spekuliert worden war. Schröder hatte seine Fraktion noch kurz vor der Abstimmung dazu aufgerufen, Merkel zu wählen.

Der künftige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte vor der Wahl gewarnt, es wäre "für alle, nicht nur für Angela Merkel, kein guter Start, wenn ein schlechtes Wahlergebnis herauskäme". Aber natürlich wisse man auch, "dass noch nie ein Bundeskanzler alle theoretisch denkbaren Stimmen erhalten hat".

Gegen Merkel stimmten auch die Vertreter der drei Oppositionsparteien FDP, Grüne und Linkspartei. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte ausdrücklich, die Freien Demokraten wollten gegen die Kandidatin stimmen. Vor der Bundestagswahl hatte die FDP ein Bündnis mit der CDU unter einer Kanzlerschaft Merkels angestrebt.

Nach der Wahl im Bundestag fuhr Merkel umgehend mit ihren 15 Ministern zu BUndespräsident Horst Köhler, wo diese ihre Ernennungsurkunden erhielten.  Das neue Kabinett soll am Dienstagnachmittag vereidigt werden. Am Abend kommt die Regierung das erste Mal offiziell zusammen.  (kpm./ks.)