In der Woche vor seinem 80. Geburtstag ist Gunther Schuller am New England Conservatory in Boston, Massachusetts, groß gefeiert worden, die Konzertreihe I Hear America gilt jenem Künstler, der das Konservatorium von 1967 bis 1977 geleitet hatte.

Mit Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono war Gunther Schuller befreundet, mit ihnen hatte er in den fünfziger Jahren bei den Darmstädter Ferienkursen über politische Musik gestritten. "Nono war Kommunist, doch ich empfinde seine Musik bis heute als sehr liebevoll und warm", sagt Schuller, und überhaupt: "Ich glaube nicht an politische Musik, die Hauptsache ist, was in der Partitur steht."

Schuller kam als Sohn deutscher Emigranten am 22. November 1925 in New York zur Welt; er wuchs zweisprachig auf. Schon früh hat er sich mit Jazz beschäftigt. "Ich war ja in New York mit dem Schönberg-Pianisten Eduard Steuermann befreundet, meine Frau studierte mit ihm, und ich habe immer wieder versucht, ihm den Jazz nahe zu bringen. Aber er hat einfach nicht verstanden, dass das, was ein Louis Armstrong oder Duke Ellington machte, ganz große Kunst war. Schönberg ging es ähnlich. Wie auch seinem ganzen Kreis", erinnert sich Schuller. "Man muss sich das vorstellen: Da werden diese Herren im Exil mit einer Musik konfrontiert, die sie nicht verstehen. Die haben gedacht, Jazz sei eine mindere amerikanische, barbarische Musik, und wie beglückt waren sie da, als Adorno dann gegen den Jazz schrieb."

"Ich war damals vielleicht der einzige deutschlesende Jazzmusiker in New York, und ich habe Adorno sogar kennen gelernt, denn er war ja ein Freund von Schönberg. Aber die meisten Jazzleute haben sich darum gar nicht gekümmert, in Amerika hat man weder Kafka noch Adorno gelesen - schrecklich aber wahr."

Später nahm der Jazzrevolutionär Ornette Coleman bei Schuller Kompositionsunterricht, und dann kam Mingus – der veränderte sein Leben. "Er war ja radikaler Antirassist, Dichter und Schriftsteller und kannte sich auch mit Prostituierten aus - man täte ihm Unrecht, wollte man nur seine politischen Ansichten reflektieren. Bei Mingus geht es von dem Lieblichen, dem Unschuldigen eines Babys bis zu den extremen vulkanischen Ausbrüchen", sagt Schuller, und seine Faszination ist ihm immer noch anzumerken.

In der Rangfolge der großen Komponisten nennt er Mingus heute gleich nach Duke Elllington. Das unvollendete Mingus-Werk Epitaph hat Schuller 1989 im New Yorker Lincoln Center aufgeführt und dann auch beim Berliner JazzFest.