Wer immer an der Geschichtsträchtigkeit und Mächtigkeit christlich oder religiös gebundener Menschen zweifelt, und es wird in diesem deutschen Schauspielhaus viele geben, liebe Dr. Ruth Pfau, lieber Herr von Weizsäcker, sehr geehrte Mitglieder der Jury des Marion-Dönhoff-Preises, sollte an den 25. März 1807 zurückdenken.

Nach jahrelangen, jahrzehntelangen Bemühungen religiöser Spinner, Presbyter der Anglikanischen Kirche und der Quäker, wurde an diesem Tag um 12 Uhr das Gesetz zur Abolition, zur Abschaffung des Sklavenhandels vom König Georg III. unterschrieben. Das war der Anfang vom endgültigen Ende der Sklaverei. Als der große Initiator dieses Gesetzes, der Presbyter und Christ William Wilberforce das Glockengeläut vom Buckingham Palace hörte und wusste, endlich ist das Gesetz unterschrieben, da sagte er zu seinem Neffen Henry Thornton einen Satz, der auch Ihrem Leben, Ruth Pfau, voranleuchten könnte: "Henry: What shall we abolish next?"; "Henry, was sollen wir als nächstes abschaffen?"

Aber fangen wir mit Ihrer Kindheit und der Schulzeit in Leipzig an. 1929 wurden Sie dort nur drei Monate nach der Geburt eines Mädchens in Holland geboren, das man so gerne später in Pakistan an Ihrer Seite gesehen hätte: Anne Frank.

Meine Memoria heute morgen geht in die Zeit des kalten Winters 1944/1945: Ohne Heizung, die Zeit der Wohnungs- und Hungersnöte direkt nach dem Mai 1945. Sie waren damals fünf Mädchen in Leipzig. Die Amerikaner hatten die Stadt, die sie schon besetzt hatten, den Russen übergeben. Ihre Mutter litt Todesängste um die Mädchen, alle in gefährdetem Alter. Die Angst um die gefährdete Existenz – in der Straßenbahn, im Waldgebiet mit den beiden Russen, die aggressiv wurden.