Gute Zeiten für Großbritanniens Konservative. Erst siegte Carol Thatcher, Tochter der Eisernen Lady, in der Dschungelshow des britischen Fernsehens und demonstrierte in harten Prüfungen, die unter anderen den Verzehr von Genitalien eines Känguruhs verlangten, dass sich Tories auch in der Welt des Unflatfernsehens zu behaupten wissen. Tags darauf kürten die Konservativen einen Mann zum Parteichef, der jetzt schon als Siegertyp gilt. David Cameron, von den 250 000 Mitgliedern der Partei mit überwältigender Mehrheit gewählt, ist jung und charismatisch, verbreitet Optimismus und verspricht den Aufbruch. Das Wort Modernisierung kommt ihm genauso leicht über die Lippen wie einst dem jungen Tony Blair.

Ähnlichkeiten mit dem Labourpremier sind kein Zufall. Die Zeit Blairs mag auslaufen, nicht wenige in seiner Partei sehnen den Abgang des sozialliberalen Lächlers herbei – Strategie und Rhetorik des dreifachen Wahlsiegers aber haben offenkundig nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt. Inmitten der dreimonatigen, internen Wahlkampagne im Lager der Tories mochte Cameron seine Bewunderung für den Labourführer nicht verhehlen. Er nannte Blair "einen "formidablen Politiker", der Labour "in die politische Mitte gerückt" und die Opposition "ausmanövriert" habe. Das Kompliment ist Teil einer listigen Taktik: Cameron versucht, einen Keil zwischen Blair und Gordon Brown zu treiben, dem Schatzkanzler und designierten Nachfolger des Premiers, gegen den Cameron in der nächsten Wahl antreten muss. Brown wird als "Mann von gestern" und Bremser vorgeführt, der Blairs Reformpläne hintertreibt und unablässig an den immer komplizierter werdenden, bürokratisierten Sozial- und Steuersystemen herumbastelt.

Tony Blair dürfte die Ironie der Situation nicht entgangen sein. Beide Anwärter auf seinen Job empfehlen sich als seine wahren Erben. Gordon Brown bezeichnet sich öffentlich als "Blairite" und spricht neuerdings gerne und oft von "New Labour", ein Begriff, den er jahrelang peinlichst vermieden hatte. Cameron wiederum verspricht den Wählern, er werde Blairs Werk vollenden. Zu seiner Strategie gehört es, strittige Blair-Reformen in Gesundheit und Erziehung, die von der Labourlinken abgelehnt werden, im Parlament zu unterstützen.

Camerons kometenhafter Aufstieg ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Erstmals seit Douglas Home vor 40 Jahren rückt mit ihm wieder ein Sprössling der aristokratischen Upperclass, mit Eton und Oxford in der Vita, an die Spitze der Tories. Von Edward Heath über Margaret Thatcher, John Major, William Hague bis zu Michael Howard hatten die Konservativen sich davor für eine ununterbrochene Reihe von Parteiführern entschieden, die allesamt aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen stammten und nicht die privilegierte Erziehung der Eliteinstitute genossen hatten. Lange galt es für einen Aspiranten auf den Topjob der Tories sogar als unüberwindliches Hindernis, aus feinen Kreisen zu stammen.

Kaum länger als vier Jahre im Parlament und nach landläufiger Auffassung noch grün hinter den Ohren, ist Cameron schon jetzt ein Medienphämomen. Clever manövrierte er in den vergangenen Monaten durch den Mediendschungel, vermied die zahlreichen Interviewfallen, die man für ihn ausgelegt hatte. Harte oder weiche Drogen in seiner Studentenzeit? Jugendliche Sünden gingen niemanden etwas an und sagten ohnehin nichts aus über die Eignung für einen Führungsjob. Im hedonistischen, alkohol- und drogengesättigten Britannien des 21. Jahrhunderst können sich Politiker nicht länger mit der berühmten Joint-Formel Bill Clintons – gezogen, aber nicht inhaliert – herauswinden. Wer in jungen Jahren überhaupt nicht mit Drogen in Berührung kam, läuft eher Gefahr, altmodisch zu wirken. Ein Schicksal, das den Tories droht, die von zwei Dritteln der Bevölkerung als "irrelevant" empfunden werden. Cameron soll das ändern. Die Tories lechzen nach einem Sieger. Sie glauben, ihn gefunden zu haben.

Die Medien spielen erst einmal mit. Gelangweilt nach mehr als acht Jahren des Blair/Brown Doppelaktes, dürsten auch sie nach neuen Gesichtern. Vom 39jährigen Neuen werden wahre Wunderdinge erhofft. Er besitze "die Kraft, die politische Landschaft umzuformen und britische Politik über zwei Jahrzehnte zu dominieren", jubelte das konservative Intelligenzmagazin Spectator.

Besonders erstaunlich angesichts der üppigen Vorschusslorbeeren: Cameron ist immer noch weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Sein "compassionate Conservatism" bleibt eher vage. Er vermied es, sich festzulegen. In der heiklen Frage "Steuersenkungen oder öffentliche Ausgaben" bediente er sich der Methode der "Triangulation", des "sowohl als auch" einst von Clinton und danach von Blair zur hohen Kunst entwickelt. Ganz anders der Außenpolitiker Cameron, der sich erstaunlich klar und unmissverständlich positioniert. Ein erklärter Atlantiker und moderater Euroskeptiker, lehnt er das Ziel einer "Ever Closer Union" für Europa ab er möchte die Tories deshalb aus der Europäischen Volkspartei herausführen). Die EU habe den "falschen Weg" eingeschlagen, der zu niedrigem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit führe.