Altkanzler Gerhard Schröder sieht sich wegen seines Einstiegs bei der Betreibergesellschaft North European Gas Pipeline (NEGP) dem Verdacht von Korruption und Vetternwirtschaft ausgesetzt. Auch aus Reihen der SPD wurde heftiger Unmut laut, weil Schröder sich kurz nach Ende seiner Amtszeit als Aufsichtsratschef an dem Projekt beteiligen will. Laut Bild am Sonntag soll Schröder mehr als eine Million Euro Jahressalär erhalten. Zusätzliche Irritationen löste am Wochenende die Nachricht aus, dass die Gesellschaft für die Ostsee-Gaspipeline weder in Russland noch in Deutschland registriert ist, sondern im Schweizer Steuerparadies Zug.

Zusammen mit Russlands Präsident Wladimir Putin hatte Schröder als Kanzler das Gaspipeline-Projekt maßgeblich forciert. Wirtschaftsminister Michael Glos zeigte sich von Schröders Schritt zwar überrascht, hält jedoch "einen Wechsel von der Politik in die Wirtschaft grundsätzlich für richtig". FDP-Chef Guido Westerwelle forderte einen "Ehrenkodex" für Regierungsmitglieder. Der Generalsekretär der Liberalen Dirk Niebel sieht einen "Hauch von Korruption", sollte Gerhard Schröder gegen Bezahlung tätig werden. Dann stelle sich die Frage, "ob deutsche Interessen für private Interessen verkauft worden sind", sagte er der Berliner Morgenpost .

Der Altkanzler tue sich mit diesem Engagement "keinen Gefallen", sagte Thüringens SPD-Vorsitzender Christoph Matschie der ARD. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg meinte in der Bild -Zeitung: "Da zieht jemand persönlichen Nutzen aus seinen eigenen politischen Entscheidungen." Unions-Fraktionschef Volker Kauder rügte im ZDF, dass Schröder das Projekt selbst "eingefädelt" habe und sich nun in führender Rolle dort wiederfinde. Es werfe ein "komisches Licht auf die ganze Aktion".

Scharfe Kritik kam auch von den Grünen, deren Parteichef Reinhard Bütikofer wertete den Vorgang im ZDF als "lupenreine Vetternwirtschaft" und dem Tagesspiegel sagte: "Das stinkt." Der Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele forderte von Schröder Klarheit: Sollte es sich um eine hoch dotierte Tätigkeit handeln, sei das "hochproblematisch."

In der SPD hieß es, die Entscheidung sei Schröders "persönliche Angelegenheit". Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, verteidigte Schröders Berufung als "normalen Vorgang". Der Berliner Morgenpost (Sonntag) sagte er, Schröder sei nicht mehr Kanzler und sitze auch nicht mehr im Bundestag. "Er kann mit seinem Leben machen, was er will."

Der Altkanzler soll bei der Ostsee-Gasleitung von Russland nach Deutschland als Aufsichtsratsvorsitzender die Interessen der beteiligten Energieversorger vertreten und dabei auch an Strategie-Entscheidungen mitwirken. Die vier Milliarden Euro teure Leitung soll von 2010 an knapp ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs abdecken. Polen und die baltischen Staaten sehen sich ausgebootet und sind verärgert. An dem Betreiberkonsortium hält der russische Gasmonopolist Gasprom 51 Prozent. Die deutschen Konzerne E.ON-Ruhrgas und BASF teilen sich den Rest.