Am 2. Mai 2002 veröffentlichte die ZEIT einen Artikel mit der Überschrift "Unrecht im Namen des Volkes". Sein Thema war die Entstehung eines doppelten Justizirrtums: Zwei Männer waren aufgrund der Beschuldigungen derselben jungen Frau vom Landgericht Osnabrück nacheinander wegen mehrfacher Vergewaltigung zu langen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Diesen Artikel hatte ich geschrieben, nachdem mir zu Ohren gekommen war, dass die Richter in den Hauptverhandlungen schwere Fehler gemacht haben sollten. Die Justiz selbst hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings keine Mängel bei der Wahrheitsfindung des Osnabrücker Landgerichts festgestellt: Die Revisionen der beiden Männer waren vom Bundesgerichtshof verworfen worden, außerdem war das Wiederaufnahmegesuch eines der Verurteilten gescheitert. Ich machte mich auf die Suche und stieß bald auf eine Justizkatastrophe, die durch Dilettantismus und verbissenen Glaubenseifer angerichtet worden war. Als ich die Recherche abgeschlossen hatte, war ich sicher, dass beide Männer vermeidbaren Fehlurteilen zum Opfer gefallen waren. Sie waren die Opfer einer inkompetenten Kriminalpolizei, einer blindwütigen Staatsanwaltschaft, einer emotional ergriffenen Glaubwürdigkeitsgutachterin und einer unbeirrt auf Verurteilungskurs liegenden Strafkammer des Landgerichts Osnabrück geworden. Die Hauptbelastungszeugin hatte sämtliche Vergewaltigungen erlogen, da war ich mir ganz sicher. Und sie war in ihren Falschbeschuldigungen von einem Unterstützerkreis angeblich wohlmeinender Personen bestärkt worden, der sie mit gewissenlosen Methoden in der Rolle eines Vergewaltigungsopfers stabilisierte. Deshalb war in meinem Artikel von Anfang an von einem Justizirrtum die Rede – Justizirrtum ohne Fragezeichen.

Ich hatte mich mit meinen Recherchen an den Hamburger Verteidiger Johann Schwenn gewandt und ihn um Hilfe gebeten. Der stellte ein neues Wiederaufnahmegesuch für Bernhard M, einen der beiden Verurteilten, und es gelang ihm schließlich nach einem langen und schweren Kampf – gegen die offene Empörung der niedersächsischen Richterschaft und gegen den erbitterten Widerstand der Staatsanwaltschaft Oldenburg –, die zuständige Kammer des Landgerichts Oldenburg von der Unschuld seines Mandanten zu überzeugen. Am Mittwoch, den 14. Dezember 2005 wurde Bernhard M. freigesprochen. In der Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende Richter des Wiederaufnahmegerichts dem zu Angeklagten Bernhard M., dass er nicht nur freigesprochen sei, sondern das Gericht seine Unschuld für erwiesen hält.