Cherchez la femme, Schauen Sie auf die Frau, rät ein französisches Sprichwort. Beim Brüsseler EU-Gipfel über die künftige Haushaltsführung der Gemeinschaft richteten sich aller Augen auf Angela Merkel, schon aus purer Neugier, schließlich war sie die Neue im Kreis der Mächtigen. Nachdem die EU-Granden im Juni zudem beim selben Thema an britischer Dickköpfigkeit gescheitert waren, sollte jetzt die frischgebackene Kanzlerin den Männerclub zur höheren Vernunft führen. Das gelang Merkel, und bewunderndes Staunen gerade der ausländischen Diplomaten und Journalisten war ihr sicher.

Gerühmt wird zunächst Angela Merkels stupende Zahlenfestigkeit: Andere Chefs verfangen sich schon mal in den Fangstricken zwischen Brutto und  Netto, Prozent und Promille. Die gelernte Physikerin hingegen jonglierte mit Zahlen und Formeln mit einer Sicherheit, die ein Beobachter hinter verschlossenen Türen als "atemberaubend" schildert.  Erste Lehre dieser Premiere: Die EU hat institutionell, finanziell und verfahrenstechnisch mittlerweile offenkundig eine Komplexität erreicht, die einem nur juristisch (Tony Blair) oder nur administrativ (Jacques Chirac) geschulten Geist irgendwie schleierhaft bleibt. Das wird anders, wenn man sich solcher Komplexität mit den Einsichten moderner Physik nähert, die sich ja auch mit allerlei Komplexitäten herum schlägt.

Bewundert wurde sodann Merkels knappe und freundliche Art: Manche Chefs tun sich schwer mit der Regel "Drei Minuten Sprechzeit für jeden, egal, ob Vertreter eines großen oder eines winzigen Mitgliedsstaates", der eine oder andere wird in der Hektik der Kürze schon mal stammtischhart derb. Bei der Pleite im Juni etwa hieben die Kampfhähne Jacques Chirac und Tony Blair, zeitweise auch der Luxemburger Jean-Claude Juncker und Tony Blair mannhaft aufeinander ein. Gerhard Schröder ging gelegentlich eine Zigarre rauchen oder hackte halt auch mit. Wo es um Milliarden, ums Geld also geht, da hört fast jede europäische Freundschaft auf. Außer man weiß den Streit in der Sache vom Imponiergehabe auf dem politischen Hühnerhof streng zu scheiden. Das gelang der Kanzlerin, und nicht allein die weibliche Endung dürfte dabei formgebend und zivilisierend auf Sitten und Gebräuche gewirkt haben. Selbst Blair und Chirac klangen dieses Mal bemüht höflich. So bestach die Kanzlerin mit ihrer Mischung aus Festigkeit und Freundlichkeit. Cherchez la femme, hier entfaltet das Wort seine Wirkung.

Doch was bedeutet nun, nach allem Lob für die Debütantin, die zum Darling im europäischen Kreis wurde, nun der Brüsseler Kompromiss für Europa? Zum ersten ersparen die 25 Mitgliedsstaaten sich weiteren, festfressenden Frust –und ihren Bürgern das Bild eines gedankenvollen, aber tatenarmen Europas.

Zum zweiten werden mit den festgelegten Finanzen alle leidlich leben können. Allen voran Jean-Claude Juncker, denn der Luxemburger hatte nach dem Scheitern "seines" Juni-Gipfels enttäuscht prophezeit, dass am Ende doch nur ein Budget ungefähr in Höhe des von ihm vorgeschlagenen und von Blair weggefegten Volumens liegen werde. Mit 862,36 Milliarden Euro für die Zeit von 2007 bis 2013, umgerechnet 1,045 Prozent des Bruttonationaleinkommens der EU, liegt der jetzige Kompromiss hauchdünn unter Junckers Margen. Ob das die sechs Monate Nachspielzeit tatsächlich lohnte?

Zum dritten aber soll die EU-Kommission 2008, spätestens 2009 sinnvolle Vorschläge für einen künftigen EU-Haushalt erarbeiten, der dann mit 28 oder mehr Mitgliedern ausgehandelt und verabschiedet werden muss. Eine gute Nachricht, auch wenn bis dahin noch ein Weilchen Zeit ungenutzt verstreichen wird.