Wann genau Coldplay zu dem wurden, was sie heute sind, ist schwer nachzuvollziehen. Ihr erstes Album Parachutes blieb – außer von Großbritanniens Musikpresse – weitgehend ignoriert, ihr zweites, A Rush Of Blood To The Head , erschien dann bereits unter dem Druck hoher Erwartungen. Jetzt, mit X & Y, dem dritten Album, gehören Coldplay zu den ganz Großen im Pop. Die Band scheint das zu wissen, so musiziert sie zwar auf gewohnt hohem Niveau, auch aber nach dem Motto "Keine Experimente".

X & Y ist nicht auf den Hit komponiert, sondern auf den Gesamteindruck. Schwelgerisch, melodiös, emotional und – kalkuliert. Jede Strophe, jede Brücke, jeder Refrain, alles ist etwas vorhersehbar. In jedem Schwung von Chris Martins Stimme, in jeder Zeile im Falsett, jedem Uuuhhh , jedem Aaahhh liegt die massenwirksame Geste, das Heischen um die Verzückung der Anhängerschaft, das Pathos. Also nicht überraschend, dabei immer noch schön. Dass man aus dem Wunsch nach Bestandsicherung heraus auch entsetzliche Platten machen kann, haben 2005 einige Bands bewiesen, nicht zuletzt Oasis und U2.

Dort, wo Coldplay aufhören, spannend zu sein, beginnen die emotional-verspielten Songs der ebenfalls britischen Band Elbow – sie selbst nennen es " progressive rock without the solos ". Wo Coldplay die naheliegende Melodie, die große Harmonie wählen, fallen bei Elbow die Dinge auseinander. Bei ihnen wird es interessant. Sie bauen ihre gitarrensatten Songs langsam auf, bremsen sie wieder ab, reißen die betörende Melodie kurz an und verwerfen sie ebenso unerwartet wieder. Fast skizzenhaft entfalten sich die elf Songs auf Leaders of the Free World – schwer fassbare, treibende und fesselnde Stücke, nie beliebig. Die Fragmente bleiben Fragmente, weil Elbow den coldplayschen Melodiekleister nicht herstellen können oder nicht haben wollen.

Wie Coldplay haben Elbow heuer ihr drittes Album veröffentlicht, das erste stand im grellen Licht der Öffentlichkeit, die letzteren sanken in den Halbschatten. Unverdient, da Leaders of the Free World eine ganz außergewöhnliche Platte ist, voller grandioser Entwürfe und Brüche.

Eine eindrucksvolle visuelle Entsprechung bieten die kleinen Filmchen auf der dem Album in der Erstauflage beigelegten DVD – selten genug kann man ja mit so einem Bonus wirklich etwas anfangen.

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