Wenn man von Derek Bailey erzählt, dem großen britischen Gitarristen und Musikphilosophen, dann fragen Menschen, die ihn nicht kennen, nach wenigen Sekunden: "Ach so, das ist Jazz?" Wenn man ihnen aber seine Musik vorspielt, so rufen sie: "Also, das könnte ich auch!". Derek Baileys Gitarrenstil steht schräg zum Üblichen. Er kommt ohne Melodien aus, es gibt auch keinen erkennbaren Rhythmus. Seine Platten klingen zerhackt, widersprüchlich, stolpernd, dabei so einfach wie filigran. Im ersten Moment erscheint ihre Ästhetik willkürlich, Zuordnungen fallen schwer.

Diese Musik fühlt sich keinem Genre verpflichtet. Sie nennt sich "Freie Improvisation" oder "Non-Idiomatische Improvisation". Bailey hat diesen Begriff geschaffen, da man auf viele Arten improvisieren kann: Blues, Jazz, Rock, jede Richtung taugt für spontane Einfälle. Bailey aber wollte Improvisation an sich, frei von Hintergrund. Mit der jazztypischen Jamsession hatte das so gar nichts so tun. Wenn in diesem Sinne frei improvisiert wird, kommt es nicht so sehr auf die technischen Fähigkeiten an. Der Charakter wird wichtig, die Fähigkeit zu erzählen, das Verhältnis zum Instrument. Letztlich weist diese Art zu spielen weit über das hinaus, was eigentlich Musik genannt wird. Improvisatoren wenden gern ungewöhnliche Techniken an, um ihr Instrument aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zum ganz eigenen Ausdruck zu gelangen. Derek Bailey ist ein brillianter Gitarrist, aber für seine auf Ideen beruhende Musik ist das zweitrangig.

Bailey, 1930 in Sheffields Arbeitermillieu geboren, greift mit zehn Jahren zur Gitarre. Da er nicht in einer Fabrik arbeiten will, schlägt er sich nach der Schule als jazzender Unterhaltungsmusiker in Tanzclubs und Bars durch, später als Studiomusiker. 1966 zieht er nach London und gerät in das Umfeld höchst unkonventioneller Musiker wie John Stevens, Barry Guy, Lol Coxhill, Keith Rowe und Dave Holland. Gerade entsteht der europäische Free Jazz, so individuell wie intellektuell, als Gegenpol zum amerikanischen Free Jazz, der spiritueller und geselliger ist. Mit dem Schlagzeuger Tony Oxley und dem Saxophonisten Evan Parker gründet Bailey 1970 Incus Records , die erste von Künstlern betriebene Plattenfirma der Insel. Auch bildet sich das LMC, das London Musicians Collective. Über siebzehn Jahre hinweg organisiert Bailey Company, eine mehrtägige Konzertveranstaltung, bei der an die zehn Musiker in unterschiedlichen Konstellationen improvisieren. Einander bislang Unbekannte mischen sich mit alten Freunden, große Momente mischen sich mit Scheitern, denn diese Musik ist unberechenbar und als solche immer riskant.

Im Jahr 1980 veröffentlicht Bailey sein Buch Improvisation: Its Nature and Practice, in dem er die Philosophie der Improvisierten Musik manifestiert. Längst ist Freie Improvisation ein eigenes Genre, ganz entgegen der ursprünglichen Absicht. Aus selbstorganisierten Strukturen sind Institutionen gewachsen, und manche Musiker erheben die "non-idiomatische" Freiheit zum Dogma.

Bailey hingegen öffnet sich weiter. 1996 bringt er auf Avant Records das Album Guitar, Drums and Bass heraus, mit DJ Ninj, einem Drum’n’Bass-DJ. Monatelang hatte er zu den Klängen eines Londoner Piratensenders dafür geübt. Um Purismus schert er sich wenig. 2002 veröffentlicht er sogar eine in ihrer Staubtrockenheit furiose Balladenplatte, Ballads, www.tzadik.com, die den Kreis zu seinen Anfängen als Lounge-Musiker so wunderbar schließt, als sollte sie sein letztes Werk sein.

Gelangweilt von der Verfestigung der Londoner Szene und aus Furcht vor dem zwanzigjährigen Jubiläum seiner Company-Reihe zieht Bailey 2003 nach Barcelona. Der 73jährge ist begeistert: "A lot of very good guitar players, good bassists, all very young. It’s all so unorganised here too. The musicians have tried to set up some kind of organisation but it just doesn’t work, which is great.“

Eine Nervenerkrankung macht ihm zu schaffen, er kann sein Plektrum nicht mehr halten, die kleine Scheibe, mit der Gitarristen ihre Saiten anschlagen. Doch selbst davon läßt er sich nicht aufhalten. Statt auf Therapien zu hoffen, beschließt er, "einen Weg drumherum zu finden" und bringt sich eine neue Technik bei, mit der er die Saiten mit dem Daumen anschlägt. Seine Fort- und Rückschritte dokumentiert er im August 2005 auf seiner letzten CD Carpal Tunnel [Sehnenscheide], die sein mehrere hundert Veröffentlichungen umfassendes Oeuvre auf frappierende Weise beschließt. Am 25. Dezember 2005 stirbt Derek Bailey in London.