Andre Nijsens Idee hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie basiert auf berechenbaren Fakten. Das ist nicht immer so, wenn von Bürokratieabbau die Rede ist. Nijsens Rechnung ist ganz einfach: Arbeitszeit mal Arbeitskosten ergibt die Summe, die ein Unternehmen zahlt, wenn es ein Gesetz befolgt. Wer das Ergebnis mit der Anzahl der betroffenen Betriebe multipliziert, weiß, was ein bestimmter Verwaltungsakt die Wirtschaft kostet. Und wie gespart werden kann.

Zum Beispiel so: Bislang mussten Hollands Unternehmer zwei unterschiedliche Jahresabschlüsse vorlegen, einen der Steuerbehörde, einen der Industrie- und Handelskammer. Von 2006 an wird der Bericht vereinheitlicht. Die Wirtschaft spart dadurch im Jahr rund 400 Millionen Euro. Oder so: Wer eine neue Fabrik bauen will, soll bald nicht mehr von einem Amt zum andern laufen müssen, um die erforderlichen Genehmigungen einzusammeln. Eine zentrale Behörde soll prüfen, ob Bauanträge die Feuer-, Umwelt- und Wasserschutzrichtlinien einhalten. Der Spareffekt: 250 Millionen Euro jährlich.

Nijsen ist Wissenschaftler am Wirtschaftsinstitut EIM in Zoetermeer bei Den Haag. Mitte der neunziger Jahre fiel ihm eine geradezu revolutionäre Strategie ein. Sie inspirierte die niederländische Regierung, die Bürokratie in großem Stil zu verringern. Schon kopieren Großbritannien, Schweden, Dänemark, Norwegen und Belgien das Modell. Die Europäische Kommission prüft es ebenfalls. Nun hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die Niederlande zum Vorbild genommen und den Bürokratieabbau zu einem zentralen Thema ihres eigenen Amtes gemacht.

Und dies ist Nijsens Strategie: "Man kann die öffentliche Seele und ihre Wünsche, etwa eine saubere Umwelt oder sichere Arbeitsumstände, von den Verwaltungsprozessen lösen." Statt neue Vorschriften zu verhindern oder alte Regeln abzuschaffen, will Nijsen die Behörden dazu bringen, darüber nachzudenken, ob sie ein Gesetzesziel nicht effizienter als bisher erreichen können.

"Was so unschuldig und scheinbar unpolitisch daher kommt, entfaltet, richtig angewandt, eine enorme Wirkung", sagt der Bürokratieforscher Werner Jann von der Universität Potsdam. Denn in Zeiten knapper Kassen werden hohe Bürokratiekosten zum Argument gegen neue Vorschriften. Ein starkes Argument, das regulierungsfreudigen Lobbyisten und Fachpolitikern zu schaffen macht. Es verschiebt das Machtgefüge von den Regulierern hin zu den Regulierungsskeptikern. "Mein Modell löst diese Machtfrage natürlich nicht", sagt Nijsen. "Aber es schafft Transparenz und gibt der Öffentlichkeit ein Mittel gegen eine überbordende Bürokratie in die Hand."

In Holland hat er mit seinem Ansatz Erfolg.

Bald vielleicht auch in Deutschland. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verspricht den Unternehmen, sie "von besonders wachstumshemmender Überregulierung" zu befreien. Statistik-, Nachweis-, Dokumentations- und Buchführungspflichten sollen abgebaut und Genehmigungsverfahren vereinfacht werden. Ein "Normenkontrollrat" nach niederländischem Vorbild soll künftig Bürokratiekosten "zuverlässig erfassen und für neue Gesetze sicher vorhersagen" sowie Gesetzesinitiativen auf ihre "Erforderlichkeit" überprüfen.