Noch ist alles Papierwerk. Wer im Kanzleramt nachfragt, erfährt nur, dass wohl bald eine Arbeitsgruppe gebildet wird. Auch die Fachleute in den Regierungsfraktionen, der Christdemokrat Michael Fuchs und der Sozialdemokrat Rainer Wend, wissen weder, wann der Rat eingerichtet werden soll, noch wer ihm angehören könnte. Aber das soll spätestens im ersten Quartal 2006 feststehen, sagt Fuchs.

25 Prozent. Um diesen Satz will das Mitte-rechts-Kabinett unter Ministerpräsident Jan Peter Balkenende die holländischen Bürokratiekosten in einem ersten Schritt senken. Die lagen 2002 bei 16,4 Milliarden Euro, haben Beamte mit Nijsens Formel ausgerechnet. Nun sollen die Kosten bis 2007 um 4,1 Milliarden Euro verringert werden. Die Regierung rechnet damit, dass dadurch das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent und die Arbeitsproduktivität um 1,7 Prozent wachsen werden. Noch allerdings spüren die Unternehmen davon wenig. Die meisten kostenwirksamen Gesetzesänderungen treten erst in den kommenden zwei Jahren in Kraft.

Dennoch verheißt die Bertelsmann-Stiftung Deutschlands Unternehmer sogar 19,6 Milliarden Euro, die sie sparen könnten, wenn die Bundesregierung anwendet, was der Holländer vorschlägt. Es wäre ein Viertel der Summe, die die Wirtschaft 2004 für Bürokratiekosten aufbringen musste: 78,4 Milliarden Euro oder 3,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Nijsens Waffe gegen die ausufernde Bürokratie ist die Konzentration. Deshalb sagt er zuerst, womit er sich nicht beschäftigen will: mit Steuern, Gebühren und Abgaben. Auch nicht mit unmittelbaren Ausgaben, die beispielsweise entstehen, wenn eine neue Regel zur Luftreinhaltung Unternehmer zwingt, modernere Filter in die Schornsteine ihrer Fabriken einzubauen. Übrig bleibt das, was Nijsen Bürokratiekosten nennt: Anträge, Statistiken, Rechenschaftsberichte.

Für sie erdachte der Wissenschaftler das standard cost model . Dieses Instrument prüft jeden Paragraph eines Gesetzes darauf, welche Kosten er verursacht. Dazu werden Unternehmen befragt: Wie lange brauchen Sie, um eine neue Vorschrift zu lesen? Wie lange dauert es, bis Sie die Informationen gesammelt haben; wie lange, bis sie zusammengestellt sind? Wie viel Zeit kosten die Berechnungen und wer macht sie, eine Angestellte oder der Steuerberater? 14 solcher Schritte enthält das Verfahren. Keine einzige Frage bezieht sich auf Inhalt oder Ziel der Vorschrift. Deshalb kann man das Modell im Gesundheitswesen genauso anwenden wie in der Finanzverwaltung oder in der Landwirtschaft. Soeben hat die Bielefelder Fachhochschule ein 80-seitiges Handbuch herausgegeben, das Nijssens Konzept mit praxisnahen Handlungsanweisungen ins Deutsche übersetzt.

Robin Linschoten setzt Nijsens Konzept um. Der rechtsliberale Politiker bildet zusammen mit einer Unternehmerin und einem Wirtschaftswissenschaftler das adviescollege toetsing administrative lasten (Actal). Dieser Rat prüft alle neuen Gesetze Hollands auf zu erwartende Bürokratiekosten. Und zwar "im Embryonalstadium", wenn die neuen Paragraphen im Ministerium erdacht werden, lange bevor sie dem Kabinett zum Beschluss und dem Parlament zur Debatte vorliegen. Zwölf Actal-Mitarbeiter kontrollieren jede neue Vorschrift, die mindestens 500.000 Euro an Bürokratiekosten erwarten lässt. Was teurer als nötig ist, geht zurück.

Das musste beispielsweise das Umweltministerium erleben. Alle niederländischen Unternehmen müssen bisher einmal im Jahr einen Umweltbericht veröffentlichen, gedruckt und gebunden. Der soll nun abgeschafft werden. Kostenersparnis für die Betriebe: 14,5 Millionen Euro. Gut, urteilte Actal, kritisierte aber zugleich den Vorschlag, die Betriebe sollten ihre Umweltdaten stattdessen per E-Mail ans Ministerium schicken. So könnten sie weitere 25.000 Euro sparen, argumentierten die Beamten. Doch Actal monierte, aus der Berechnung gehe nicht hervor, welchen Arbeitsaufwand die elektronischen Berichte den Firmen brächten.