Mehrmals im Monat steigt Margit Weibel in Zürich in einen Zugwaggon und fährt nach Deutschland, nach Chemnitz beispielsweise. Dort findet die alte Dame mit Hilfe des Stadtplans zu einem fremden Haus und klingelt, sitzt wenig später in einem Wohnzimmer, zusammen mit einem Menschen, der sich nach dem Tod sehnt. Die beiden sprechen über das Leben, lachen und weinen, stundenlang. In solchen Gesprächen will Margit Weibel begreifen, warum der Mensch sterben will, möchte die "Zwischentöne hören". Diese Zeit im Wohnzimmer, sagt sie, schütze sie davor, ihre eigenen Wünsche zu projizieren. "Niemand darf denken, er wisse, was für einen anderen richtig ist." Weibel ist die Vorsitzende von Ex International , einem Schweizer Sterbehilfeverein, der etwa 700 Mitglieder hat, fast alle in Deutschland, in Chemnitz, Leipzig, Hamburg beispielsweise, auch in den Kleinstädten Bayerns und Baden-Württembergs. Die meisten Suizidwilligen, sagt Weibel, seien zwischen 70 und 90 Jahre alt und wollten nicht an ihrer Krankheit sterben. Sie möchten sich selbst töten, an einem selbst bestimmten Tag. Deswegen treten sie dem Verein bei. Ein knappes Dutzend von ihnen lässt sich derzeit von Weibel oder einem ihrer vier Mitarbeiter betreuen. Ehrenamtlich, versteht sich.

Ihren Klienten in Chemnitz hat Weibel inzwischen oft besucht. Vielleicht wird sie ihm eines Tages bei seinem Suizid helfen. Sie sagt, sie seien Freunde geworden, sie telefonieren miteinander, schreiben sich Weihnachtskarten. Sie erzählt von einem anderen todkranken Deutschen, der sich schon das Rezept in der Schweiz geholt hatte und dann wieder nach Deutschland gefahren sei. "Ab und zu ruft er mich an", sagt Weibel. "Es geht ihm gut."

Weibel fühlt sich dazu verpflichtet, mit jedem Sterbewilligen alles zu besprechen, was ihm in Deutschland helfen kann. Sind die unheilbar Kranken palliativmedizinisch betreut, lindert also ein Arzt ihre Schmerzen und andere Krankheitsbeschwerden? Kümmert sich jemand um ihre psychologischen, sozialen und spirituellen Probleme? Gibt es eine Patientenverfügung? Welche Chancen lägen in betreutem Wohnen? Mancher jedoch habe bereits für sich selbst und mit seinen Ärzten all dies bedacht oder sogar angewandt. "Wenn jemand vor mir sitzt und sagt, er will nicht in ein Hospiz, kann ich noch versuchen, das Gespräch darüber zu suchen". Mehr nicht.

Um von Ex International beim Suizid begleitet zu werden, muss der Sterbewillige eine schriftliche ärztliche Diagnose über eine unzumutbare Krankheit mit höchstwahrscheinlich tödlichem Ausgang vorlegen. Jährlich begleitet Ex International rund ein Dutzend Deutsche in den Tod. Mitte der 90er Jahre hatte der Arzt Julius Hackethal den Schweizer Pastor Rolf Sigg darum gebeten, sich in Deutschland zu engagieren. Sigg hatte zuvor den inzwischen größten Schweizer Sterbeverein Exit gegründet, der inzwischen 50.000 Schweizer Bürger als Mitglieder hat. Hackethal selbst konnte keine Sterbebegleitung anbieten, das hätte seine Approbation in Deutschland gefährdet. Er hatte sogar schon vor Gericht gestanden, weil ihm Sterbehilfe vorgeworfen wurden. Der Mediziner wurde aber 1997 Schirmherr von Ex International.

Ein Großteil der Menschen, die sich an Ex International wenden, weil sie mit dem Gedanken an den assistierten Suizid spielen, fahren für ihre letzten Stunden in die Schweiz. Das Geschehen ist dann in jedem Fall ein anderes, individuelles. Die Zeit bis zum Sterben ertrinkt in tiefen Gesprächen oder zerstäubt in Witzen. Jedes Mal jedoch stellt Weigel die letzte Frage: "Haben Sie es sich wirklich zu Ende überlegt? In einer Stunde ist es zu spät." Der Sterbewillige unterschreibt, dass er aus eigenem, freien Entschluss den Freitod wählt. Auch die Adresse des Arztes in Deutschland kommt auf den Zettel, für den Fall, dass die Berner Polizeibeamten, die den Todesfall wenige Stunden später protokollieren werden, Fragen an ihn stellen wollen. Und kurz vor dem Ende spricht jeder Sterbewillige noch mit einem Arzt in der Schweiz, der das Rezept für Natrium-Pentobarbital ausstellt, ein in hohen Dosen garantiert tödliches Schlafmittel.