Die Pressekommentare am Mittwoch beschäftigen sich vorwiegend mit zwei Themen: Zum einen mit dem Arbeitsmarkt und der Konjunktur, die sich anscheinend beleben, und zum anderen mit der Tragödie von Bad Reichenhall. Was das Unglück betrifft, sind sich zwei sonst widerstreitende Blätter diesmal in auffälliger Weise einig: Bild und Taz sehen darin ein Zeichen für Deutschlands Abstieg. Bild spricht vom schleichenden "Verfall unserer Infrastruktur", den jeder täglich spüre und sehe. Die Taz meint: "Der Einsturz von Gebäuden in Ländern wie der Türkei oder Russland wird meist achselzuckend zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist der Zeitpunkt erreicht, an dem auch in Deutschland nichts anderes mehr erwartet werden sollte." Oder in den Worten von Bild : "Marode ist das Land."

Ganz anders dagegen die Süddeutsche Zeitung , die sich den Fall unter architektonischem Gesichtspunkt angesehen hat: "Keine Konstruktion ist so witterungsanfällig, so gefährdet, so instabil wie ein weit ausgespanntes Flachdach. Besonders im Alpenraum, wo allwinterlich mit großen Schneemassen zu rechnen ist, muss eine Flachdecke über einer weiträumigen Halle als grob fahrlässige Fehlkonstruktion gewertet werden (...). Seit Menschengedenken machten die Bewohner der Alpen ihre Behausungen mit tief heruntergezogenen Steildächern winterfest - doch dann kamen die Ingenieure aus der Stadt, die alles besser wussten." Einen generellen Schluss auf eine marode Infrastruktur scheint Bad Reichenhall nach dieser Lesart nicht zu erlauben.

Nun Arbeitsmarkt und Konjunktur: Am Dienstag meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA), dass sich der deutsche Arbeitsmarkt im Dezember besser entwickelt hat als für diese Jahreszeit üblich. Die Reaktionen darauf sind vielfältig.

Auffällig ist die optimistische Bewertung unserer beiden Wirtschaftszeitungen. Das Handelsblatt findet: "Offensichtlich strahlen die positiven Signale für die Konjunktur mittlerweile auf den Arbeitsmarkt aus, der Abbau von Beschäftigung erreicht seine Grenzen." Dazu gibt es auch ein Lob an die Regierung, die "im Rahmen ihrer engen fiskalischen Spielräume einiges in die Wege geleitet" habe. Die Financial Times Deutschland ( FTD ) erkennt in den Arbeitsmarktzahlen, "dass trotz Globalisierung und Strukturmängeln auch in Deutschland Arbeitsplätze entstehen können - wenn nur die Wirtschaft wieder wächst." Nur habe das nichts mit den Arbeitsmarktreformen zu tun, sondern mit dem Konjunkturaufschwung und besonders harten Restrukturierungsmaßnahmen in den Betrieben. Dagegen meint die Kölnische Rundschau , dass der Arbeitsmarkt nach Überarbeitung der "im Prinzip richtigen Hartz-Reformen (...) gut für den Aufschwung vorbereitet" sei. Nun dauere es eben noch ein wenig, bis die bessere Konjunktur auch die Beschäftigung ankurbelt.

Vor schönen Worten und guter Laune auf Seiten der Politik warnen Welt und Süddeutsche . Zudem warnen letztere und auch die FTD vor der Mehrwertsteuer 2007, die den Aufschwung wieder zunichte machen werde. Und der Tagesspiegel sieht eigentlich überhaupt keinen Grund für Optimismus, da der Arbeitsmarkt grundsätzliche Probleme habe. So seien sozialversicherungspflichtige Jobs eben nicht mehr die Regel, sondern würden zunehmend durch Zeitarbeit, Teilzeitstellen und Minijobs ersetzt. Dazu noch die Kieler Nachrichten : "Eine Trendwende ist definitiv nicht in Sicht. (...) Die Konjunktur gewinnt an Fahrt und spült Geld in die Kassen vieler Konzerne, Geld, das aber vor Ort nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf fließt."

Möglicherweise werden jedoch trotz aller Kritik die diskreten Stärken der deutschen Wirtschaft unterschätzt. Denn unter genauerer Betrachtung ist es so, dass in den Unternehmen hierzulande die Zeichen für Wettbewerbsfähigkeit, Exporte und Investitionen gut stehen. Ob das alles reicht, wissen wir spätestens 2007, denn dann schlägt für Angela Merkel die Stunde der Wahrheit.