Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat am Samstag endgültig bestätigt, dass die beiden ersten der verstorbenen Kinder in der Türkei dem Vogelgrippevirus H5N1 zum Opfer gefallen sind. Die Geschwister waren am vergangenen Wochenende in eine Klinik in Van eingeliefert worden, der 14-jährige Junge erlag dort am Sonntag der Infektion, seine 15-jährige Schwester am Mittwoch. Die elfjährige Schwester der beiden starb am Donnerstag. Proben des dritten Kindes werden derzeit noch untersucht, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit nun sehr hoch, dass es sich auch in diesem Fall um eine Infektion mit dem gefährlichen Virustyp handelt. Auch zwei Kinder aus der Gegend von Igdir sollen dem türkischen Sender NTV zufolge mit H5N1 infiziert sein, ferner melden die Agenturen drei Fälle in der Hauptstadt Ankara. Es sind die ersten menschlichen Infektionen mit dem Erreger außerhalb Südostasiens, wo die Tierseuche bisher 142 Menschen infiziert und mehr als die Hälfte von ihnen das Leben gekostet hat.

Bei dem ersten verstorbenen Jungen war schon am 2.Januar der Verdacht geäußert worden, dass es sich bei der Todesursache um Vogelgrippe handeln könnte. Die Behörden gaben am Folgetag zunächst noch Entwarnung, um am vergangenen Mittwochabend wieder das Gegenteil, also den Tod des Kindes durch H5N1, zu bestätigen. Auch für die beiden Schwester wurden bereits früh positive Testresultate verkündet, doch eine endgültige Bestätigung durch die WHO gab es da noch nicht. Gegenüber ZEIT online hatte eine Sprecherin der WHO am Donnerstag außerdem gesagt, dass das türkische Referenzlabor nicht über die entsprechenden Analysemöglichkeiten verfüge.

Die Weltgesundheitsbehörde war von aus der Türkei über positive Tests auf den Typ H5 informiert worden und hatte umgehend Spezialisten ins türkische Van entsendet, um die Situation eingehend zu überprüfen. Nach einer ersten Einschätzung gingen die WHO-Leute jedoch davon aus, dass das Referenzlabor in Weybridge, Großbritannien, den Verdacht bestätigen würde. In Weybridge werden derzeit weitere Proben von Verdachtsfällen auf H5N1 getestet.

Gegenüber ZEIT online hatte die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Susanne Glasmacher, am Donnerstag bereits mitgeteilt, dass sich an der Risikoeinschätzung des Bundesseuchenamt für Deutschland auch dann nichts ändern werde, falls der Verdacht auf H5N1 durch die WHO bestätigt werde. Für eine Übertragung des möglicherweise vorhandenen Erregers von Mensch zu Mensch gebe es aus der Türkei keine Hinweise. Diese Möglichkeit werden die Experten von der WHO dennoch genauer beleuchten müssen: Die verstorbenen Geschwister hatten zwar sehr engen Kontakt zu infiziertem Geflügel, bisher kann aber noch nicht vollkommen ausgeschlossen werden, dass sich eines oder mehrere Kinder direkt bei den Geschwistern angesteckt hat. Dies würde heißen, dass sich der Vogelgrippeerreger verändert hätte - und das wäre dann die eigentlich alarmierende Nachricht. Sollte H5N1 auch frei unter Menschen zirkulieren, käme das noch hypothetische Szenario einer weltumspannenden Grippepandemie der Realität beängstigend nahe. Auf einer Pressekonferenz am Freitag warnte die WHO jedoch deutlich vor übertriebender Angst oder gar Panik, denn von diesem schlimmsten Fall kann noch immer nicht ausgegangen werden.

Die verstorbenen drei Kinder stammten aus Dogubeyazit an der türkisch-iranischen Grenze. Sie waren zusammen mit dem noch lebenden  sechsjährigen Bruder in die Universitätsklinik der osttürkischen Stadt Van gebracht worden. Die Kinder hatten nach Aussagen der Eltern mit Geflügel, unter anderem auch mit Schlachtabfällen von infizierten Hühnern, gespielt. Das Federvieh wird in der Region für den Eigenbedarf gehalten, oft auch in den Wohnhäusern. Zunächst war bei dem Jungen eine Lungenentzündung als Todesursache angegeben worden. Unterdessen kommen immer mehr erkältete oder Grippekranke Menschen aus Angst vor der Vogelgrippe in die türkischen Krankenhäuser. Am Samstag wurden bereits mehr als 70 angebliche Verdachtsfälle gemeldet. Allein im Krankenhaus von Van behandeln die Ärzte derzeit 35 Menschen. Nach Aussage der Behörden haben aber nur die wenigesten einen berechtigten Grund zu der Annahme, mit dem Virus infiziert zu sein. Die Symptome der Vogelgrippe beim Menschen sind unspezifisch, kommen also auch im Rahmen zahlreicher anderer Erkrankungen, von normaler Grippe über Lungenentzündung bis hin zu Tuberkulose, vor.

In der Türkei war die Vogelgrippe erstmals im Oktober aufgetreten. In dem Gebiet in der Nähe eines Vogelschutzgebietes im Westen des Landes mussten mehr als 10.000 Puten, Enten, Hühner und anderes Geflügel getötet werden. Mittlerweile hat sich das Virus unter den Tieren in Richtung Westen ausgebreitet, am Sonntag wurden erstmals Verdachtsfälle aus dem europäischen Teil der Türkei nahe Istanbul bekannt. Offiziellen Angaben zufolge kämpft derzeit gut ein Dutzend von insgesamt 81 türkischen Provinzen mit der Geflügelseuche. Obwohl man in fast allen Fällen das Virus H5N1 gefunden hat, waren Menschen der betroffenen Gebiete bisher nicht nachweislich infiziert worden. Jetzt aber, da es die ersten menschlichen Todesfälle gibt, hat die türkische Regierung massive Hygiene- und Kontrollmaßnahmen ergriffen, um eine weitere Ausbreitung der Vogelgrippe unter Hühnern und anderem Geflügel zu verhindern. Nur so lässt sich vermeiden, dass Menschen mit extrem engem Kontakt zu kranken Tieren infiziert werden.