Eine neue Studie aus Schweden hat gezeigt, dass das Vogelgrippevirus H5N1 weitaus weniger infizierte Menschen tötet, als bislang angenommen wurde. Das beruhigt zunächst, denn in der Türkei breitet sich der Erreger der Vogelgrippe mit wachsendem Tempo aus, auch unter Menschen, und die Türkei ist doch schon ziemlich nah - zumindest näher als Thailand oder Vietnam.

Die Forscher, die uns diese scheinbar erfreuliche Mitteilung machen, arbeiten am angesehenen Karolinska Institut in Stockholm. Sie schlossen rund 45.000 Vietnamesen in ihre Untersuchung ein, fragten sie nach ihrem Kontakt mit infiziertem Geflügel und nach von ihnen selbst beobachteten Krankheitssymptomen. Die Teilnehmer der Befragung kamen aus dem Bavi Distrikt im Nordosten des Landes, einer Region, die 2004 besonders stark von der Tierseuche heimgesucht wurde. Vietnam hat von allen betroffenen Ländern bisher die meisten menschlichen Vogelgrippeopfer zu beklagen, insgesamt starben dort schon 42 Menschen. Die offizielle Zahl der Infizierten belief sich nach derzeitigem Wissensstand etwa auf das Doppelte, was rein rechnerisch bedeutet: Jeder zweite, der sich mit H5N1 ansteckt, stirbt.

Eben diese hohe Sterblichkeit war es auch, die das Vogelgrippevirus für Menschen besonders bedrohlich erscheinen ließ, und genau diese Rate widerlegen die Schweden nun mit ihrer neuen Analyse. Die Stockholmer fanden mittels einer ausführlichen Analyse heraus, dass sich allein innerhalb der Teilnehmergruppe schätzungsweise 650 bis 750 Menschen mit dem Vogelgrippeerreger angesteckt haben mussten - fast ein Zehnfaches der Fälle, welche die WHO überhaupt in Vietnam registriert hat. Der Grund für die Diskrepanz liegt, der Studie zufolge, in der meist milden Symptomatik der Infektion, die über Husten, leichtes Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl eben doch nicht hinausgeht. Wer, wie jetzt in der Türkei, auf den Intensivstationen der Krankenhäuser landet, ist demnach eher ein Ausnahmefall.

Doch sterben deshalb nun wirklich weniger Menschen an der Vogelgrippe, als bislang befürchtet wurde? Leider nein. Mag der Sterblichkeitsfaktor auch viel kleiner sein als man dachte, an den absoluten Sterbezahlen ändert die in den Archives of Internal Medicine veröffentlichte Analyse rein gar nichts. Die Studie zeigt vielmehr, dass Menschen sich offenbar doch leichter und in größerer Zahl mit dem Virus infizieren, als bisher vermutet, und gerade das ist eine schlechte Nachricht: Die größere Zahl von Infektionen eröffnet dem Virus noch häufiger Gelegenheit, sich an seinen neuen Wirt anzupassen - und irgendwann den direkten Sprung von Mensch zu Mensch zu meistern.

Die Studie zeigt jedoch auch, wie das zu verhindern ist. Denn Symptome einer Infektion traten fast ausschließlich bei jenen Vietnamesen auf, die nicht nur mit krankem Geflügel im selben Haus wohnten, sondern die gefiederten Virenschleudern auch noch selber rupften und schlachteten. Noch immer kommt vor dem Menschen also das Huhn, und daraus ergibt sich: Kampf der Seuche in Hühnerstall und Geflügelmast! Er kann mittels Notschlachtungen, Importverboten, sorgfältiger Hygiene und erneuten Aufstallungen von Freilandgeflügel zumindest streckenweise zum Sieg führen.

Die ganz große Chance, H5N1 auszurotten, hat man allerdings vor Jahren verpasst, als Vietnam und Thailand nicht die Hilfe zuteil wurde, die angesichts der grassierenden Virus nötig gewesen wäre. Es ist deshalb sehr optimistisch von Klaus Stöhr, dem Koordinator des WHO-Influenza-Programms, wenn er in der Süddeutschen Zeitung sagt, Deutschland habe noch eine Chance, virus-frei zu bleiben. Deutschland ist keine Insel, und nicht alle benachbarten Länder bemühen sich ähnlich intensiv um die Gesundheit ihrer Federviecher. Irgendwann kommt das Virus also womöglich doch nach Deutschland.

Und dann? Tamiflu schlucken? In Panik ausbrechen? Die Studie der Schweden zeigt immerhin, dass es eine einfache Option gibt: auf eigene Hühner zu verzichten. Denn wer kein Geflügel im Haus hält und schlachtet, hat gute Chancen, gesund davonzukommen.