Für Tony Blair ist die Sache klar: "Graffiti ist ein Verbrechen und ist es immer gewesen", sagte der britische Premierminister Anfang der Woche bei der Vorstellung seiner "Respekt"-Kampagne, mit der er seinen Landsleuten "anti-soziales Verhalten" austreiben will, "und für alltäglichen Vandalismus gilt das gleiche."

Ob er Banksy im Sinn hatte? Nach premierministerlicher Definition wäre Großbritanniens berühmtester Sprayer und "Guerilla-Künstler" ein Schwerverbrecher, der erklärtermaßen den Vandalen ihren guten Namen zurückgeben will. Seit Jahren hinterlässt er in London und anderswo seine Spuren, die allerdings oft mehr sind als einfallslose tags : sein Namenszug in breitgezogenen Großbuchstaben, Ratten, die bohren, funken, graben und Raketenwerfer in Stellung bringen, knutschende Bobbies oder Wachsoldaten mit Seehundfellmütze, die ein Anarcho- A an die Wand malen oder "sich erleichtern".

So allgegenwärtig sind seine stencils , vornehmlich mit Schablonen gesprühte Bilder und Slogans, dass man sie bei genauem Hinschauen selbst im neuesten Woody-Allen-Film Match Point erspäht, der an Themse spielt. Auch in Berlin, Barcelona und amerikanischen Städten hat sich Banksy mittlerweile verewigt. Als er vergangenen Sommer neun Bilder auf die Sicherheitsmauer malte, die Israel und die Palästinensergebiete trennt, berichtete sogar die BBC .

Wer Banksy ist, ist geheim. Der Evening Standard outete ihn 2004 vermeintlich, doch es bestehen Zweifel, ob die Londoner Abendzeitung, die Banksy einen "Kunst-Terroristen" nannte, den richtigen erwischte. Seine Eltern im heimatlichen Bristol, wo er 1974 geboren wurde, glauben, ihr Sohn verdiene in London als Maler und Anstreicher sein Geld. Banksys Website ist auf seinen Agenten und Fotografen angemeldet; wenn er sich selbst ins Bild rückt, dann mit tiefgezogener Kapuze oder Affenmaske. Das hat natürlich mit seiner meist illegalen Beschäftigung zu tun, aber dem lässigen, gefährlichen Image ist das Versteckspielen auch nicht ganz abträglich.

Seine Graffiti, und in letzter Zeit vermehrt auch Objekte und "Skulpturen" wie gekappte, von Krähen besetzte Videoüberwachungskameras, Haifischflossen im Teich von Londons Victoria-Park oder Der Trinker , eine Rodins Der Denker nicht unähnliche Figur mit einem Baustellenhütchen auf dem Kopf, leben von manchmal kunstvollem, manchmal plattem Nebeneinanderstellen, trockenen Slogans und einer etwas schwammigen Anti-Attitüde: Vermummte Demonstranten werfen Blumen, Kriegspremierminister Winston Churchill ziert ein Irokesen-Haarschnitt, der Kampfhubschrauber trägt ein Schleifchen und wünscht "Noch einen schönen Tag!", während man darüber aufgeklärt wird: "Amerikaner arbeiten über Ihnen!"

Bei Banksy mischt sich "Kifferhumor" – auf dem Musikfestival von Glastonbury machten sich der Sprayer und ein Freund vor zwei Jahren einen Spaß daraus,
Polizeiwagen mit der Aufschrift " Hash for Cash " zu verzieren – auf eigentümliche Weise mit künstlerischer Sensibilität. Sein stärkstes Bild, ein stencil mit ausgemergelten Frauen hinter KZ-Stacheldraht, die leuchtenden Lippenstift tragen, war bislang nur auf Ausstellungen zu sehen und berührt auch ohne das Wissen um den historischen Hintergrund: Kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen durch britische Truppen schickte das Rote Kreuz statt Lebensmittel und Medikamenten ein großes Paket Kosmetika, was die ums Überleben der Ex-Häftlinge kämpfenden Soldaten schockierte, von den Frauen aber freudig angenommen wurde: Die Lippenstifte gaben ihnen Menschlichkeit und Individualität zurück.

Seine bemerkenswerte Karriere in den letzten Jahren ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er das Kunstestablishment beständig lächerlich machte, das ihn daraufhin nur umso wilder umarmen wollte: " Mind the Crap " sprühte er vor Jahren noch auf die Treppenstufen der Tate Gallery, was, in Anlehnung an die allen Londoner U-Bahn-Fahrern bekannte Ansage " Mind the Gap " ("Vorsicht an der Bahnsteigkante") soviel wie "Vorsicht vor dem Dreck" sagen wollte. Eigenhändig hängte er 2003 ein "vandalisiertes" Ölgemälde in der Tate auf, wo es erst entdeckt wurde, als der Kleber nach ein paar Stunden nachließ und das Werk zu Boden glitt.