Nun hätte man durchaus zu Recht annehmen können, dass London die BND-Affäre zumindest mit einem Hauch von Schadenfreude verfolgen würde. Wie oft hatte sich Tony Blair, von den Gegnern des Irakkrieges als Pudel Bushs gescholten, sich am moralischen Rigorismus eines Gerhard Schröder unvorteilhaft messen lassen müssen, der dem amerikanischen Giganten zu trotzen gewagt habe. Doch enthält sich das offizielle London jedes Kommentars und scheint sich selbst intern jeglichen Anflug von Häme zu untersagen angesichts der Prügel, die Gerhard Schröders Regierung nun von einem Gutteil der deutschen Medien einsteckt.

Hinter den Kulissen lässt man freilich durchblicken, dass man die Episode eher für einen Sturm in Wasserglas hält. Ein hochrangiger Vertreter des Secret Service bewertet die Situation so: Westliche Geheimdienste operieren allesamt unter politischer Kontrolle, doch zugleich besitzen sie notwendigerweise "operative Freiheit". Dazwischen können sich gelegentlich, und durchaus unvermeidbar eine Grauzone auftun.

Des Weiteren: Westliche Geheimdienste tauschen unablässig Informationen miteinander aus, worauf ihre Regierungen zu Recht enormen Wert legen. Zu welchen operativen Entscheidungen Daten befreundeter Agenturen vom Empfängerland verwendet werden, sei eigentlich nicht Sache der Übermittler. Allerdings: In einer Situation wie der des BND im Irak würde der britische Geheimdienst mit Sicherheit die Zustimmung der Regierung eingeholt haben, bevor er Daten an den befreundeten Dienst, in diesem Falle den CIA, weiterleitete. London scheint überzeugt, dass der BND angesichts der politischen Sensibilität der Kooperation mit dem CIA genauso gehandelt hat.

Nun wäre es ein Irrtum, aus dieser entspannten Deutung der Vorgänge zu schließen, dass in Großbritannien zwischen Regierenden und ihren Agenturen nur eitel Sonnenschein herrschte. Heute steht der Secret Service gewiss unter ziemlich strikter Aufsicht der Exekutive. In den sechziger und siebziger Jahren aber waren Elemente im MI5, dem britischen Pendant zum Verfassungsschutz, völlig aus dem Ruder gelaufen; sie entwickelten ein ideologisch stark rechts gefärbtes Eigenleben, operierten häufig auf eigene Faust, belauschten "subversive Elemente" wie Gewerkschaftler, Journalisten, Friedensaktivisten und linke Labourpolitiker und schmiedeten sogar, so die Enthüllungen in Spycatcher , den Erinnerungen eines ehemaligen Agenten, Pläne für den Sturz der Labourregierung Harold Wilsons.

Die Affäre "Spycatcher" und andere Beispiele geheimdienstlicher Eigenmächtigkeit führten zu einem Neubeginn. Die politischen Aufsicht über die Geheimdienste wurde in den neunziger Jahren erstmals auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Als erster Regierungschef hatte Margaret Thatcher zuvor öffentlich die Existenz der Geheimdienste eingestanden, in einer Bemerkung vor dem Parlament. Bis dahin gab es keinen einzigen offiziellen Hinweis auf die Existenz des Secret Service. Nur das florierende Genre der Spionageliteratur, von Ian Fleming über John le Carre bis Frederick Forsyth, lieferte dafür umso reichlicher Einblicke in die Spiegelwelt des zweitältesten Gewerbes der Weltgeschichte.