Jetzt ist es doch noch wahr geworden: Die Berliner CDU hat einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahlen im Herbst nicht nur gefunden, sondern auch aufgestellt. Am Montag überwanden der CDU-Landesvorstand und die Kreisvorsitzenden ihre Aversionen gegen den Niedersachsen und einstigen Bonn-als-Hauptstadt-Befürworter, Friedbert Pflüger, und akzeptierten ihn einstimmig als Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Ende März oder Anfang April soll Pflüger auf einem Landesparteitag offiziell nominiert werden.

Die Hoffnungen, die in Pflüger gesetzt werden, sind groß, und die Ausgangslage denkbar ungünstig. In Umfragen dümpelt die einstige 40-Prozent-Partei mittlerweile bei 19 Prozent herum, im Osten der Stadt sind es sogar nur 12 Prozent, da hilft auch kein Merkel-Bonus. Die Konservativen haben ausgerechnet in der Hauptstadt ein provinzielles Image und die Tatsache, dass in der Berliner CDU alle Macht von den Bezirksorganisationen der Partei ausgeht, macht die Sache für einen von außerhalb nicht einfacher. 

Seinen fehlenden Stallgeruch versuchte Pflüger in den letzten zwei Wochen, in denen er seine überraschende Wandlung vom Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium zum Spitzenkandidaten der Berliner CDU vollzog, nach Kräften auszugleichen. Gerne zeigte er sich Currywurst essend und beteuerte, dass Berlin die einzig wahre Hauptstadt sei, man werde seine Meinung innerhalb von 15 Jahren wohl auch mal ändern dürfen.

Die Berliner CDU hat ohnehin keine andere Wahl, als ihren Spitzenkandidaten spitze zu finden, denn Pflüger ist ihre letzte Chance. In einem endlos quälenden Prozess hatte man seit Mai 2005 versucht, eine geeignete Persönlichkeit für die aussichtslose Mission zu gewinnen. Den Chef des Uno-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, hätte man eigentlich am liebsten gehabt, doch der sagte nach monatelangem Hin und Her ab. Auch der populäre Ex-CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Friedrich Merz, hatte kein Interesse.

Pflüger dagegen ließ sich nicht lange bitten. Ihm wird brennender Ehrgeiz nachgesagt. In Niedersachsen versperrt ihm Ministerpräsident Christian Wulff den Aufstieg ins höchste Amt, und auch mit einem Ministerposten ist es für den Merkel-Freund nach der Bundestagswahl überraschend nichts geworden, denn die Kanzlerin hielt an Ursula von der Leyen als Familienministerin fest und für einen weiteren Niedersachsen war kein  Platz mehr im Kabinett. Für Pflüger blieb nur der Posten eines Parlamentarischen Staatssekretärs – jemandem, der, wie er bereits vor Jahren bekannte, sich nach wirklicher Verantwortung zu sehnen, kann das nicht ausreichen. Obwohl ihm manch einer aus dem CDU-Bundesvorstand ernsthaft abgeraten haben soll, sah der Niedersachse in der Berliner Kandidatur eine Chance und ergriff sie.

Die Berliner CDU ist nun bemüht, anfängliche Bedenken schleunigst auszuräumen. Pflüger sei sogar ein besserer Kandidat als der ursprüngliche Wunschkandidat Töpfer, versicherte der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen am Montag. "Mit dem ersten Kontakt ist das Eis geschmolzen", sagte auch die Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, deren Name bei der Suche nach einem Kandidaten ebenfalls im Spiel war.