"Mach dich ehrlich!" lautet das neue Motto der Berliner Republik. In Ostberlin hieß es früher "Mach dich fort!", während der alte Westteil der Stadt lange den Slogan "Mach dich nackig!" pflegte. Vorbei, vorbei, jetzt ist Berlin Deutschlands ehrlichste Stadt, Wahrheit und Wirklichkeit erheben unbezwingbar ihr Zepter. Anfang der Woche beispielsweise präsentierte die Berliner CDU ihren neuen Bürgermeisterkandidaten: für Friedbert Pflüger viel Lob und Ermunterung. Die christdemokratischen Bezirkschefs flöteten nur so im Chor. Man muss sich diese Veranstaltung in einem Kreuzberger Autohaus als eine Art politische Botox-Party vorstellen - du spürst das Nervengift nicht und siehst auch keine Einstiche, und deine Freunde versichern dir, dass sich deine Gesichtszüge erst in drei Tagen entspannen werden, ehrlich.

Was Unehrlichkeit in diesen Zeiten für einen Schock auszulösen vermag, bekommen im Gegenzug die Moskowiter zu spüren. Mitten in ihrer Stadt liegt also dieser ominöse tschekistische Stein herum, gefüllt mit britischer MI6-Elektronik, sieht aus wie ein das Gesellenstück vom ollen Q. Am vergangenen Sonntag zeigte das russische Fernsehen diese modern designte Version eines toten Briefkastens, der offenbar schon den ganzen Herbst lang in Funktion war. Aufregung unter den Russen, die alte kollektive Paranoia kommt wieder auf: Menschenrechtsgruppen sollen Spionageorganisationen sein. Bei diesen Temperaturen erhält der Begriff Kalter Krieg wieder einen Beigeschmack von Wahrheit, das alles wegen eines unechten Steins. Ehrlicherweise muss man hinzufügen, dass sie in den Pullacher Werkstätten niemals einen Stein in dieser Qualität schleifen könnten, und auch die Staatssicherheit hat es nur zu Klopapierrollen mit Kameraaugen gebracht.

Wie dem auch sei, um auf lichtscheuen Schmutz dieser Art den Finger zu richten, haben wir hierzulande zum Glück die Partei der Ehrlichkeit. Souverän demonstrieren die Grünen in diesen Tagen, dass das Ehrliche in Deutschland überhaupt nichts, wie man vielleicht denken könnte, mit plumper Aufklärung zu tun hat, schon gar nicht mit professioneller Aufklärungsarbeit. Vielmehr ist das Ehrliche eine komplizierte dialektische Operation: Das Ehrliche ist die Wahrheit in prismatischer Brechung durch die Staatsgeheimnisse, bei größtmöglicher Sensibilität gegenüber dem rot-grünen Erbe, das Ganze im Licht vom Joschkas Selbstbild. So ist das. Und das muss auch nicht erst in einem Untersuchungsausschuss festgestellt werden.

In dieser philosophischen Tradition hat übrigens Deutschlands ehrlichstes Medienhaus, genau: von Springer ist die Rede, gerade die welthistorische Bedeutung unserer Kanzlerin ausgeleuchtet. "In Merkel kommt das Normale zu sich", heißt es in der Welt mit Hegel. Schade, dass es vorläufig nicht zu Friedbert Pflüger kommt. Oder zu Springer. Pflüger muss sich in Berlin erst noch ehrlich machen – vor allem wg. Rosenkrieg und Bonner Republiksnostalgie - währenddessen zelebriert die Kanzlerin in Paris normale Ehrlichkeit mit dem alten Freund und Oberbefehlshaber Chirac. An der französischen Atomfolklore sei "nichts zu kritisieren", sagt Merkel, leicht prismatisch gebrochen und nicht ohne hegelianisches Augenzwinkern. Da kommt berlinisch- republikanisch zueinander, was zusammen gehört. Wenn Ehrlichkeit so normal ist, dann wird der Ehrliche in Deutschland nie wieder der Dumme sein.