Die radikalislamische Palästinenser-Organisation Hamas ist nach Einschätzung führender Politiker Sieger der Parlamentswahl. "Ich glaube, dass die Hamas eine Mehrheit der Sitze im Parlament hat", sagte Kadura Fares, bisher Parlamentsabgeordneter und früherer Minister, der dpa am Donnerstag in Ramallah. Auch Hamas-Vertreter erklärten sich am Donnerstag zum Sieger der Wahl. Offizielle Ergebnisse sollen zwar erst am Nachmittag bekannt gegeben werden, dennoch hat die Regierung unter Ministerpräsident Achmed Kurei bereits ihren Rücktritt angekündigt.

Prognosen nach der ersten Parlamentswahl seit zehn Jahren hatten am Mittwochabend noch einen knappen Vorsprung der Fatah in dem 132 Sitze zählenden Abgeordnetenhaus verzeichnet. Ein Hamas-Sprecher sagte, seine Organisation ziehe einen Eintritt in die künftige Regierung in Betracht. Der amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hatte erklärt, Israel könne eine Beteiligung der Hamas an der palästinensischen Regierung nicht akzeptieren. Die Hamas steht auf den Terrorlisten der USA und der EU.

Die Hamas ist für die USA nach den Worten von US-Präsident George W. Bush nur dann ein Gesprächs- und Verhandlungspartner, wenn sie das Ziel der Zerstörung Israels aufgibt. "Eine politische Partei muss, um lebensfähig zu sein, sich zum Frieden bekennen... Entsprechend werde ich mit Hamas umgehen, wenn sie Verantwortung übernehmen sollte", sagte Bush in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview des Wall Street Journal . Hamas ist für die US-Regierung eine terroristische Organisation.

Prognosen zufolge könnten kleinen Parteien und Listen künftig eine gewachsene Bedeutung zukommen. Abbas sprach vor Journalisten in Ramallah von einer "neuen Ära". Er rief die Welt nach der Parlamentswahl zu Hilfe bei der Rückkehr zu Friedensverhandlungen mit Israel auf. Die Hamas errang nach eigener Einschätzung "wichtige Siege". Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri hatte am Mittwochabend in Gaza alle Parteien und Gruppen aufgerufen, das Ergebnis der Wahl - und damit auch einen Sieg der regierenden Fatah - zu akzeptieren.

Die Stimmabgabe war mit einer Beteiligung von 77,7 Prozent der mehr als 1,4 Millionen Wahlberechtigten und ohne große Zwischenfälle verlaufen. Israel hatte angekündigt, im Falle einer Regierungsbeteiligung der Hamas sich von allen Verpflichtungen gegenüber den Palästinensern loszusagen.

Die Wahllokale im Gazastreifen und dem Westjordanland schlossen am Mittwochabend weitgehend pünktlich um 19.00 Uhr (18.00 Uhr MEZ), wie die Wahlkommission mitteilte. In Ostjerusalem blieben einige Postämter, in denen die Einwohner ihre Stimmen abgeben konnten, noch länger geöffnet. Wegen großen Andrangs ging auch an einigen Wahllokalen im Westjordanland die Stimmabgabe zunächst weiter. Die Wahlberechtigten konnten in mehr als 1.000 Wahllokalen ihre Vertreter in dem Abgeordnetenhaus bestimmen.

Die Hamas kündigte am Tag der Wahl eine Fortsetzung ihres bewaffneten Kampfes parallel zu ihren parlamentarischen Aktivitäten an. Abbas sagte zu einer möglichen Regierungsbeteiligung von Hamas, Israel habe ungeachtet des Wahlausgangs einen palästinensischen Partner für Friedensverhandlungen. Anhänger der Fatah feierten das Wahlergebnis im Gazastreifen und dem Westjordanland.

Die US-Regierung nannte die Parlamentswahl einen "historischen und bedeutsamen Moment". Die USA unterstützten die Palästinenser auf ihrem Weg zu einem demokratischen, unabhängigen eigenen Staat, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan am Mittwoch in Washington. Er betonte erneut die amerikanische Ablehnung der Hamas.

"Wir brauchen internationale Unterstützung, um uns zurück an den Verhandlungstisch mit Israel zu bringen, um den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen", sagte Abbas. Er betonte, man strebe Gespräche über eine endgültige Friedensregelung an. Abbas sagte am Mittwochabend, offizielle Wahlergebnisse seien innerhalb von 24 Stunden zu erwarten.

Abbas betonte im Hinblick auf Hamas, es sei nicht Israels Aufgabe zu entscheiden, wer in der palästinensischen Regierung sitze. Er reagierte damit auf Fragen nach der Zukunft der Friedensverhandlungen im Falle einer Regierungsbeteiligung der Hamas. "Wir sind Israels Partner, und es hat kein Recht zu bestimmen, wer an den Verhandlungen beteiligt ist", sagte er. Israel hat betont, es sei nur zu Friedensgesprächen mit Hamas bereit, sollte die Gruppe der Gewalt abschwören.

In Ostjerusalem verhinderte die Polizei Störmanöver rechtsgerichteter Israelis. Im größten Wahllokal in einer örtlichen Postfiliale drängten sich Hunderte von Palästinensern, wie eine dpa- Mitarbeiterin berichtete. Der palästinensische Menschenrechtler und Oppositionspolitiker Mustafa Barguti sprach in Al-Bireh von einer "echten demokratischen Revolution" und einem "Ende des Ein-Parteien-Systems".